Verfasst von: dawncycling | 15. Juni 2017

Irgendwo im Nirgendwo

Bericht zum 600er Brevet „Ardennen-Champagne“ von ARA Saarland
am 10.06.2017

So wird das wieder nix mit einem spannenden Brevetbericht, dachte ich so vor mich hin, als wir zu viert die ersten 200 Kilometer bereits in 6:30 Stunden Bruttozeit bzw. einem 32er Schnitt zurückgelegt hatten. Über Brevets zu berichten, bei denen alles glatt und ohne Komplikationen verläuft ist einfach zu langweilig und uninteressant. Aber da dieses Brevet für mich doch noch einen spannungsvollen Verlauf nehmen sollte, bin ich jetzt doch mal wieder beim Schreiben eines kleinen Berichtes 😏

Unsere Vierergruppe bestand aus den drei Schwaben (Marco, Jochen, Tilo) und dem Luxemburger Tom. Wir waren neben einigen technischen Gemeinsamkeiten (alle hatten Lupine Akku Lampen am Rad und alle ernährten sich weitestgehend flüssig über (Kohlenhydrat-)Pulver im Getränk) zu mindestens am Anfang auch körperlich ziemlich auf einer Wellenlänge. Und auch so verstanden wir uns gut und die Stunden vergingen bei einigen Plaudereien wie im Flug.

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Das Wetter bzw. die Vorhersage waren ziemlich nahe am Optimum. Absolut trocken, tagsüber am Samstag mit ~27 Grad nicht zu heiß und eine erträgliche Nachttemperatur von 14 Grad war angesagt. So lässt es sich angenehm radeln!

Nach der Kontrolle in den Ardennen bremste Gegenwind auf dem Weg nach Reims unseren Schnitt etwas ein. Aber die ersten welligen 310 Kilometer mit einem 31er Schnitt waren trotzdem immer noch ganz schön sportlich. Vermutlich etwas zu sportlich, wie es mich meine Beine auf den letzten 200 Kilometern dann noch spüren lassen sollten.

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Nach Reims warteten die hügeligen Weinberge der Champagne auf uns. Eigentlich ganz hübsch, aber Weinberge habe ich zu Hause auch mehr als genügend 😁 In Châlons en Champagne waren an dem lauen Sommerabend die Straßen voller Leute und eine Art Stadtfest war wohl im vollen Gange. Da mir durch die zurückgehende Sonne schnell kühl wurde, zog ich schon mal die Weste und die Armlinge an.

Nun warteten auf uns rund 160 Kilometer pure Einsamkeit mit Null Versorgungsmöglichkeit. Es ging auf kleinsten Hügeln (was auch sonst?) durch ein sehr ländliches Gebiet was rein durch Ackerzucht und Viehbau geprägt war. Wir redeten noch darüber, dass wenn man hier eine ernsthafte Panne hat, ganz schön improvisieren müsste.

Nun kommen wir so langsam zu dem Teil, bei dem das Brevet für mich dann etwas spannender wurde bzw. ich etwas die Kontrolle verlieren sollte. Dazu muss man wissen, dass ich die Nacht vor dem Brevet leider kaum geschlafen hatte. Sorgen um Rückenschmerzen der letzten Tage und etwas Lampenfieber hatten mich wachgehalten. Den ganzen Tag fuhr ich schon mental etwas gedämpft wie unter einer Dunstglocke von Müdigkeit. Da schwebte diese Dunstglocke aber noch über mir und war zu kontrollieren. Mit der einsetzenden Dunkelheit nahm die spürbare Müdigkeit aber schnell für mich zu. Ab Reims war ich in unserer Gruppe schon der schwächste Teilnehmer gewesen und meist nur „hinten drauf gelegen“. Jetzt hatte ich aber durch die Müdigkeit sogar konzentrationsbedingte Probleme das Hinterrad meines vor mir fahrenden Kollegen zu halten. Zunächst versuchte ich es durch eine weitere Guarana Kapsel. Die Wirkung war nur minimal spürbar und änderte die Situation kaum. So konnte ich beim besten Willen keine ganze Nacht durchfahren!

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Da es kurz vor Mitternacht noch einigermaßen warm war, fasste ich den Entschluss mich in einem der kleinen Orte irgendwo für einen Powernap hinzulegen. Als ich in Charmont an einer Schule/Gemeindehaus/etc einen überdachten Vorraum mit dem Charme einer Bushaltestelle erspähte, verabschiedete ich mich von meinen Mitfahrern. Der Steinboden war kalt, zwei Häuser weiter kläffte permanent ein nervender Köter und die Guarana-Kapsel schien nun doch zu wirken 😆 Aber für eine halbe Stunde mal die Augen zu schließen war trotzdem eine echte Wohltat für mich!

Danach kramte ich meinen Motivations-Joker aus dem Gepäck: den MP3-Player! Musik ist für mich pures Doping. Und nach dem die ersten Frier-Anfälle nach meiner Weiterfahrt überstanden waren, war meine Stimmung kurzzeitig wieder am Siedepunkt angelangt. Ich legte alle meine Classic-Hits für Nachtfahrten auf wie z.B. „Children Of The Dark“ von MONO INC. oder „Army Of The Night“ von POWERWOLF 🙃 Laut singend fuhr ich vor mich hin und war auch etwas erleichtert nun mein Tempo fahren zu können und nicht mehr irgendwelche Hinterräder halten zu müssen. Die Nacht war klar und wurde von einem recht vollen Mondlicht erleuchtet. Einfach traumhaft!

Irgendwo im Nirgendwo kläffte an einem Bauernhof dann wieder ein Hund. Von der Tonart aber deutlich tiefer und voluminöser als der an meinem Schlafplatz. Eher so die Gewichtsklasse Bulldogge / Dobermann! Aus einem Augenwinkel bemerkte ich dann, dass dieses „Monster“ nicht angeleint war und mir nachsetzte. Adrenalinschub pur und der nächtliche Zwischensprint ging dann zum Glück zu meinen Gunsten aus!

Leider weilte dieses kurze Hochgefühl nur ca. 2 Stunden und nachdem auch das Adrenalin des Hunde-Zwischensprintes weg war, kam die Müdigkeit wie ein Dampfhammer zurück. Erstmalig erlebte ich auf dem Rad müdigkeistbedingte Halluzinationen: Die Striche der Mittellinie wurden zu weißen Marshmallow-Mäusen, die vor mir davonliefen. Im Wald sah ich Gebäude, die beim zweiten Blick nicht vorhanden waren. Hinzu kamen kurze Anfälle von Sekundenschlaf. Es war inzwischen 2:30 Uhr und die Temperatur war an ihrem Tiefpunkt in dieser Nacht angelangt. Nicht wie vorhergesagt 14° sondern knapp unter 10° Grad. Gefühlt noch deutlich darunter. Ich hatte alles an Kleidung am Körper, was ich im Gepäck hatte und fror trotzdem selbst beim Fahren. Wobei von Fahren nicht mehr zu reden war – der Tacho zeigte teilweise nur noch 10km/h. Alarmstufe Rot war erreicht – es bestand akuter Handlungsbedarf!

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Auf dem freien Feld bzw. im Wald zu schlafen war gar keine Option – also schleppte ich mich in den nächsten kleinen Ort. Aus meiner Aufzeichnung entnahm ich später den Namen des Ortes „Fesnes-au-Mont“ mit ca. 100 Einwohnern. Wo aber nun einen Schlafplatz hernehmen, an dem man nicht erfriert? Ich war innerlich echt leicht verzweifelt. Ich fuhr zunächst an einem Haus mit einem Gewächshaus im Garten vorbei. Den kurzen Gedanken daran das Gewächshaus zu besetzen verwarf ich aber recht schnell wieder. Ich stoppte an einem großen Haus mit einer Sitzbank davor. Auf der Sitzbank würde ich zu mindestens nicht direkt auf dem Boden liegen. Aber es war eigentlich echt zu kalt, um draußen zu schlafen. Also schlich ich um dieses große Haus rum. Es war das Rathaus des Ortes wie sich später rausstellte. Da es unbewohnt war probierte ich an Hintertür ob diese verschlossen war. Und oh Wunder sie war offen! Und drinnen war es mindestens 10° Grad wärmer als draußen. Was für ein großes Glück! Also schnell mein Rad geholt und rein in die gute Stube. Drinnen war ein Versammlungsraum, Toiletten, eine Küche und verschlossene Büros. In der Garderobe hing eine einsame vergessene und etwas verratzte Trainingsjacke. Ich nahm diese unfreiwillige Kleiderspende gerne an und zog mir die Jacke sofort an, da ich immer noch tierisch fror. Ich fand ein kleines Fleckchen mit Teppichboden und schlief dort ca. zwei weitere Stunden. Kein Tiefschlaf – sowas kann ich solchen Momenten (leider) nicht.

Nach dieser Pause war es zu mindestens mit der akuten Müdigkeit deutlich besser. Aber auf diesem sehr hügeligen Teil war bei mir dann völlig die Luft raus. Mit platten Beinen, dem Kopf immer noch unter der imaginären Dunstglocke von Müdigkeit und ohne Motivation rollte ich zäh vor mich hin. Zu mindestens das Thema mit der Kälte sollte sich bald erledigen. Als die Sonne rauskam, begann sie sofort zu wärmen.

Hier noch ein paar generelle Worte zur Strecke: Stefans Streckenführung führt weitestgehend über kleine und kleinste wellige Straßen. In der ganzen Nacht habe ich kaum ein Auto gesehen. Sehr liebevoll ausgewählt und ohne unnötige Schlenker! Aber nur mit französischen Bodenwellen rund 6000 Höhenmeter zu sammeln ist schon sehr hart. Ich mag mal ganz subjektiv behaupten, dass es der härteste (normale) 600er ist, den ich bislang gefahren bin. Und wenn einer nach dem Vergleich zu PBP fragt – bei PBP sind die Bodenwellen IMHO wesentlich länger und gleichmässiger. Landschaftlich gibt es schon ein paar schöne Ecken (Ardennen & Champagne), aber weite Strecken sind einfach französische Pampa. Am Anfang macht das noch voll Spaß, aber schon recht schnell gehen einem z.B. die unzähligen Bodenwellen in jeder Ortschaft und der berüchtigte französische Rauasphalt auf den Geist. Aber alle Freunde von exzessiver Ackerzucht und Viehbau kommen hier voll auf ihre Kosten! Es gibt genügend schwarze Kühe, weiße Kühe und ab und an auch Mal braune Kühe zum Betrachten.

Meine drei Mitstreiter erreichten noch knapp unter 24 Stunden das Ziel. Bei mir war es dann schon ziemlich sonnig, als ich gegen 11:30 Uhr wieder am Campingplatz in Wallerfangen ankam.

Links

Offizielle Seite des Veranstalters:
http://www.ara-saarland.de/

Die Strecke mit allen Kontrollpunkten:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=uqxapfacpkpdfbcm

Aktivität auf Strava:
https://www.strava.com/activities/1031027813

Flickr Fotoalbum mit weiteren Bildern:
https://flic.kr/s/aHsm2FNoxB

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