Verfasst von: dawncycling | 8. Juni 2018

Allgäu Safari

Bericht zum 600er Brevet „Allgäu-Rundfahrt“ von ARA Oberbayern am 01.06.2018

Für die Feinheiten & Kniffe wie man Langstreckenbrevets erfolgreich bewältigt gibt es bis heute weder Lehrbücher noch Schulen. Man findet als Neuling diverse Tipps & Weisheiten in den unzähligen Berichten, die so mancher Randonneur gerne schreibt. Aber wenn man so vor seinem ersten 600 Kilometer Brevet steht, verwirren einem diese (teils widersprüchlichen) Wissensbrocken vermutlich mehr, als das sie einem nützen. Als ich vor zehn Jahren meine erste Brevetsaison bewältigt hatte war ich froh, dass ich erfahrene Randonneure an meiner Seite hatte, von denen ich viel abschauen und lernen konnte. Einer davon war Klaus, mit dem ich 2008 u.a. meinen ersten 600er in Osterdorf gefahren bin. Mit seiner freundlichen und gelassenen Art hat er mir damals viel mehr vermittelt als ihm evtl. bewusst ist. Dieses Erlebnis hat mich tief mit ihm verbunden und ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn wir, in den letzten Jahren, den einen oder anderen Brevetkilometer zusammen gefahren sind.

Gemeinsam mit Klaus und mir wollte nun Ricardo seinen ersten 600er Brevet unter die Räder nehmen. So hatte nun erstmals ich die Gelegenheit meine eigenen Langstreckenerfahrungen bzw. die Fackel des Langstreckenfeuers an die nächste Generation weiterzugeben. Wir drei sind dieses und letztes Jahr schon ein paar Brevets bei Karl zusammen gefahren und haben und haben dabei leistungs- und fahrtechnisch prima zusammen harmoniert. Und da wir uns zufällig alle drei für den 600er in München entschieden hatten, stand bereits im Vorfeld quasi fest, diesen Brevet als gemeinsame Gruppenfahrt zu absolvieren.

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Am Start unterhielten wir uns über die geplante Ankunftszeit bzw. das Tempo, in dem wir ganz grob unterwegs sein wollten. Mit meiner spontanen Ansage Ankunft um 12:00 Uhr mit einem 25er Schnitt lag ich dann sehr erstaunlich nahe an den dann tatsächlich erreichten Zahlen. Ich wollte dieses Brevet auf jeden Fall nicht am Anschlag fahren um immer genügend Luft zu haben diese Fahrt vollumfänglich zu genießen.

Unterwegs haben wir dann (wie eigentlich auf jedem Brevet) wieder einiges erlebt bzw. einige Lektionen gelernt. Darum möchte ich den weiteren Bericht mal etwas wie ein Langstrecken-Lehrbuch gliedern. Das Ganze ist natürlich nicht wirklich ernst gemeint und erhebt keinerlei Anspruch auf Richtigkeit und/oder Vollständigkeit 😋

Lektion #1 Folge nicht den Trollen

Den Brevet-Radtrollen begegnet man zumeist zu Beginn eines Brevets. Sie scheinen über unbändigbare Kräfte zu verfügen, was es ihnen unmöglich macht sich in einer Gruppe hinten einzureihen und zu warten, bis sie an der Reihe sind vorne zu fahren. Stattdessen überholen sie bei jeder Gelegenheit von hinten und setzten sich dann aber nicht direkt vor den ersten Fahrer der Gruppe, sondern reißen ein Loch von 5-10 Metern. Mit dieser trollhaften Fahrweise verbreiten sie eine enorme Unruhe, denn sehr oft sind die Überholten verleitet, die Lücke zu dem Troll umgehend zu schließen und ihm somit auf den Leim zu gehen. Denn bei nächster Gelegenheit wird er sich zunächst zurückfallen lassen um neue Kräfte für seinen nächsten Troll-Vorstoß zu sammeln.

Die meisten Brevet-Radtrolle haben vermutlich keine böswillige Absicht hinter ihrem Tun, sondern sind eigentlich ganz nette Randonneur-Kollegen. Wahrscheinlich haben sie es einfach nicht besser gelernt oder stehen auf das ganz besondere Gefühl die letzten zwei Drittel eines Brevets völlig geplättet zu erleben 🤔

Da die Macht der Brevet-Radtrollen maximal für das erste Drittel eines Brevets ausreicht muss man in dieser Zeit ganz stark sein um sich nicht von ihnen verleiten zu lassen. Danach bleiben sie in einer der Kontrollstellen „kleben“ und werden meist bis zum Ziel nicht mehr zu beobachten sein. Diese Beobachtung hat sich auch dieses Mal wieder bewahrheitet und ab der Dreiangelhütte bei KM 180 hatten wir unsere Ruhe und bis ins Ziel wurde kein weiterer Troll mehr gesichtet.

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Lektion #2 Fahrspaß am Tag

Der Inhalt dieser Lektion bestand darin zu erkennen wie die Schönheit einer Strecke einem sprichwörtliche Flügel verleihen kann. Muss man beim 600er in Nordbayern erst einen ganzen Tag lang radeln um in der Abenddämmerung einen Blick auf das Alpenpanorama zu erhaschen startet man in München quasi von Anfang an mit Postkartenpanorama. Und diese traumhaften Aussichten hielten dann auch den ganzen Tag an bzw. steigerten sich sogar noch ein wenig.

Jörgs Strecke führte auf kleinsten – nahezu autofreien – Wirtschaftswegen entlang des Alpenrandes. Das Allgäu ist diesbezüglich schon der Wahnsinn – scheinbar ist dort jeder Kuhstall mit dem nächsten durch ein asphaltierten Weg verbunden. Absolut faszinierend! Die Streckenführung war den ganzen Tag bis Ravensburg (und darüber hinaus) vom Allerfeinsten! Nachdem jetzt z.B. schon die Flußradwege mit Prädikaten versehen werden verdient dieses Brevet meiner Meinung nach als erster das Prädikat einer Fünf-Sterne-Premium-Brevetstrecke 😍

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Wer Brevets gerne schnell fährt sei aber gewarnt, dass durch die ständigen Richtungswechsel auf den Wirtschaftswegen ein „Ballern“ auf diesem Kurs nur sehr eingeschränkt möglich ist. Außerdem lag in fast jeder Kurve auch etwas Schotter / Split und erforderte somit stets etwas Obacht. Aber das ist vermutlich auch genau Jörgs Absicht gewesen – einen Genießerbrevet zu schaffen wo das Fahrtempo in den Hintergrund rückt.

Wenn mich im Nachhinein jemand fragt ob die Strecke arg hügelig war müsste ich ihm antworten, dass ich mich nicht wirklich daran erinnern kann. Durch die wahnsinnig schöne Landschaft und das damit einhergehende dauernde Fotografieren habe ich gar nicht wirklich darauf geachtet wie arg es hoch und runter ging. Klar ist das Allgäu nicht die Nordsee und die Strecke ist durchweg wellig – aber wenn der Fahrspaß stimmt fällt einem das Vorankommen deutlich leichter als in eher monotonen Gegenden.

Den Höhepunkt erreichte die Strecke auf den nahezu autofreien Abschnitt von Füssen über das Königssträßlein zur Dreiangelhütte und dann weiter über Rohrmoos in Richtung Oberstaufen. Ich musste hier stets darauf achten vor lauter Naturimpressionen keinen akuten Anfall an Schnappatmung zu bekommen.

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Lektion #3 Im richtigen Moment die Füße stillhalten

Es gibt sehr wenige Situationen wo das aktive Stillhalten der Füße den Randonneur mehr nützt als das sonst übliche stoische Weitertreten. Eine dieser Situationen sind kurze Unwetter mit Starkregen und/oder Hagel. Wenn man komplett nass ist wird einen dies auf längere Sicht mehr bremsen als wenn man sich kurz unterstellt und das Unwetter abziehen lässt.

Hatte ich eigentlich schon den ganzen Nachmittag mit einem Gewitter gerechnet, so blieben wir bis Ravensburg trocken. Ein echtes Wunder, wenn man wie ich ein ausgeprägter „Wettervorhersagen-Hypochonder“ ist und die schlechten Vorhersagen in den Tagen vor dem Brevet beachtet.

Auf dem Stück von Ravensburg nach Pfullendorf erwischte uns dann aber doch noch eine kleinere Starkregenwolke. Nach 10 Minuten ausharren unter dem Dachvorsprung eines Hauses an der Straße war der Spuk aber auch schon wieder vorbei. In dieser Pause konnte jeder seine Regenklamotten anziehen um dem schwächer werdenden Restregen und dem Spritzwasser von unten zu trotzen.

Der Abschnitt von Ravensburg nach Pfullendorf erwies sich als sehr zäh und fordernd. Wie eine Treppe ging es mit ständigen Zwischenabfahrten konstant nach oben. Oft hatte man das Gefühl „jetzt sind wir endlich oben“ um nach einer kurzen Abfahrt noch weiter nach oben zu klettern. Und eigentlich war man dann erst an der Kontrolle in Pfullendorf wirklich oben angekommen und die Strecke wurde wieder einfacher.

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Lektion #4 Fahrspaß in der Nacht

Nach einem Tag voller schöner Landschaften schwindet die Motivation in der Dunkelheit rapide dahin. Der Kopf erhält keinerlei Input mehr und so keimt recht schnell das Gefühl der Langeweile auf und das Treten wird zusehends mechanisch und träge. Genau für diesen Moment hatte ich meinen MP3 Player im Gepäck der mir schon mehrmals in solchen Situationen einen wahren Motivationsschub verliehen hatte.

Als dann nach Pfullendorf durch die immer noch nassen Straßen leichter Bodennebel entstand und dazu ein fast voller Mond mit seinem Licht eine ganz tolle Stimmung erzeugte war der Zeitpunkt gekommen den Musik-Joker zu „zünden“. Was dann die nächsten zwei Stunden folgte lässt sich wohl am besten mit dem Begriff „rauschähnlicher Zustand“ beschreiben. Ein Zustand wo ich komplett mit meiner Umgebung verschmolz und alles um mich herum komplett vergaß. Das kürzlich erworbene 80er-Retro-Metalalbum von BEAST IN BLACK erwies sich als absolut genial und Hits wie „I am Crazy, Mad, Insane“ spiegelten meinen Gefühlszustand ziemlich gut wieder 🤩

Normalerweise wechselten wir drei uns in der Führung gleichmäßig ab, aber auf dem Abschnitt von Pfullendorf bis Biberach fuhr ich gefühlt die komplette Strecke vorne und musste mich eher noch etwas einbremsen um die musiklosen Kollegen nicht platt zu fahren.

Und was ist jetzt die Lektion an dieser Story? Ganz einfach: kenne deine persönlichen Motivationsquellen für zähe Phasen und nutze sie!

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Lektion #5 Gelassenheit

Nach Biberach folgte ein durchweg zäher Abschnitt. Zum einen kosteten die verfrickelten Eiszeitwellen durch ihre Steilheit und ihre Häufigkeit so einige Körner. Zum anderen zeigte der Schlafmangel bei jedem von uns deutliche Spuren.

Ricardo erwischte der Sandmann dabei am heftigsten und er konnte uns nur noch schleppend folgen. Als sich in der Dämmerung eine geräumige Bushaltestelle mit einer Holzbank für einen kurzen Powernap geradezu aufdrängte nutzen wir diese Gunst umgehend. Klaus stellte seinen Kurzzeitwecker auf 10 Minuten und jeder schloss seine Augen.

Nach diesem Nap, etwas Verpflegung an der folgenden Kontrolle in Mindelheim und den steigenden Temperaturen kehrten bei jedem von uns die Lebensgeister zurück.

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Fazit

Genug des Lehrbuchgeschwafels – einfach geil wars! Diese Genießer-Panorama-Premium-Brevetstrecke gehört zu den schönsten die ich jemals gefahren bin. Es hat einfach alles gepasst auch die Kontrollstellen waren in optimalen Abständen und von bester Qualität (z.B. nachts um drei ein McD wo man drin sitzen kann!). Das Ganze dann noch in einer netten Gruppe bei gutem Wetter war der pure Randonneursgenuss. Danke Jörg und Igor für eueren tollen Startort – ich werde sicherlich wiederkommen!

Links

Flickr Fotoalbum mit vielen weiteren Bildern:
https://flic.kr/s/aHskzjpTmk

Aktivität auf Strava:
https://www.strava.com/activities/1613601240

Offizielle Seite des Veranstalters:
https://aramuc.de/brevets/

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Verfasst von: dawncycling | 27. Mai 2018

Bikepacking Safari: Eifel, Hunsrück & Pfälzer Wald

Idee / Entstehung

Lange habe ich diese Perle in meinem Strecken-Schatzkästchen aufbewahrt und gut gehütet. Wie vermutlich viele andere auch, speichere ich mir Ideen zu großartigen Touren, die ich unbedingt mal fahren möchte, in einer Art virtuellem Schatzkästchen. Da man leider viel weniger verfügbare Zeit als mögliche Tourenideen hat, ist es immer wieder was ganz Besonderes, wenn man solch eine Perle auspacken und in die Tat umsetzen kann. Und da sich mir an Pfingsten 2018 ein längeres familienfreies Zeitfenster zur Verfügung stand, habe ich diese Perle, die schon einige Jahre in meinem Schatzkästchen lag, ausgepackt: Die Eifel Durchquerung mit dem Mountainbike aus der Zeitschrift Bike. Irgendwelche Gegenden zu durchqueren ist eh cool und die Eifel ist mir eine völlig fremde Gegend, die mich schon immer mal interessiert hat.

Ich bin zwar alles andere als ein eingefleischter Biker. Weder mag ich technisches Trailgehüpfe noch stehe ich auf rasante Downhills. Eigentlich bin ich ja auf der Straße bzw. den Langstrecken-Brevets zu Hause und würde mich eher als Ausdauer-Junkie bezeichnen. Aber als grenzenloser Grenzgänger mit einem Hang zu epischen Abenteuern, war ich mir sicher, dass daraus ein cooles Abenteuer entstehen könnte.

Mit den Erfahrungen aus einem schon sechs Jahre zurückliegenden ersten Ausflugs in die Welt des Bikepackings (damals war das für viele noch ein Fremdwort) stand für mich fest, auch dieses Mal wieder mit komplettem Schafequipment auf die Reise zu gehen und nur in Ausnahmefällen in ein Hotel auszuweichen.

Die von der Zeitschrift Bike veranschlagten fünf Fahrtage für die Eifel stampfte ich in meinem Kopf gleich mal auf zwei zusammen. Genaugenommen noch auf etwas weniger, da die Anreise mit der Bahn auch noch in diese zwei Tage reinpassen musste.

Als Ausgleich verlängerte ich die Strecke ab Trier über Hunsrück und Pfälzer Wald zu mir nach Hause. Da ich mich in dieser Gegend nicht auskannte, suchte ich mir ein paar weitere Tracks als Grundlange aus dem Internet. Das waren zum einen der Wanderweg Saar Hunsrück Steig, den mein Schwager schon zu Fuß bewältigt hatte. Zum anderen habe ich auf GPSies noch einen Track einer Gruppe MTBler gefunden, die eine Mehrtagestour durch die Pfalz unternommen hatten. Danach habe ich diese Tracks verbunden und nach eigenem Gutdünken mehrfach „optimiert“. Ich habe dabei meistens unnötige Schlenker und Trails eliminiert. Im Gegensatz zu einem reinrassigen Biker habe ich nämlich keine Asphaltallergie und mein Fokus lag auf einem halbwegs flüssigen Vorankommen 😜

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Eifel

Nach der Anreise per Zug stand ich am Pfingstsamstag um 11:00 Uhr mit 109 Kilogramm Systemgewicht am Kölner Dom und war bereit für mein Abenteuer. Ich hatte keine Übernachtungen gebucht und wollte jeweils so lange fahren wie es hell war und mir dann einen Schlafplatz suchen. Kochequipment oder ähnliches hatte ich keines dabei. Ich wollte, wenn der Hunger groß wurde, immer was Essen gehen. Für zwischendurch hatte ich etliche Riegel, Nüsse und Kohlenhydratpulver im Gepäck.

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Nach den ersten flachen 50 Kilometern begann die Eifel. Mein beladenes „Schlachtschiff“ navigierte auch auf Wurzeltrails einigermaßen agil. Die Trails waren zum Glück alle super trocken und mit meinen Schwalbe Marathon Mondial Reisereifen sicher fahrbar.

Eine erste echte Challenge war der Haselbachgraben Trail: fast 10 Kilometer an einem Graben entlang, auf der einen Seite ein Abhang, auf der anderen der Wassergraben und oben 30-80 cm breit der Trail, der gegen Ende nahezu komplett mit Wurzeln und Steinen gespickt war. Landschaftlich ein echter Traum, aber fahrtechnisch für meine Fuhre teilweise etwas zu viel des Guten. Zwei Mal bin ich dann auch abgerutscht – aber nix passiert – außer ein paar Grenzen gefunden 🙃

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Aufgefallen ist mir dabei nur, dass ich keinerlei Pflaster / Verbandmaterial im Gepäck hatte. Hätte ich mir an einem Stein / Ast / etc. eine blutende Wund geholt, hätte ich alt ausgesehen.

Nach einem warmen Essen im hübschen Monschau blieb der Trailanteil hoch bis an der Olef Talsperre endlich wieder etwas fahrbarer Belag auftauchte. Die Abendstimmung bei untergehender Sonne war super schön und ich fand direkt an der Staumauer an einer Sitzbank einen geeigneten Schlafplatz.

Sehr cool war, dass man inzwischen – selbst in der Eifel – fast flächendeckend mobile Daten am Handy hat. So konnte ich noch etwas im Schlafsack chillen und mit dem Rest der Welt kommunizieren!

Die Nacht war arschkalt und mit morgendlichen 1° Grad an der Grenze der Komfortzone meines Schlafsystems. So brach ich auch schon wieder recht früh auf, um mich bewegend zu erwärmen. Hart war es, sich dann in dieser Kälte umzuziehen und startklar zu machen. Isomatte aufrollen ging z.B. nur bibbernd und mit Handschuhen 😝

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Nach langen zwei Stunden Kälte wärmte endlich die Sonne etwas. Als ich dann in Prüm ein klasse All-You-Can-Eat Frühstücksbuffet fand, war die Welt wieder im Lot. Der Tag begann mit verdächtig niedrigem Trailanteil, was sich im weiteren Verlauf des Tages aber schnell wieder ausgleichen sollte.

Laut Karte ging es dann recht entspannt irgendwelchen Bachtälern entlang. Was man auf der Karte aber nicht klar sehen konnte war, dass es niemals flach und fast die ganze Zeit auf wurzeligen Trails auf und ab ging. So langsam begann ich meine starrsinnige Starrgabel nicht mehr so zu mögen.

Gegen Mittag kam dann ein Gewitter aufgezogen. Den ersten Regen wartete ich im Wald ab und nutzte die Zeit für „dringliche Geschäfte“. Der Regen kehrte dann aber nach einer kurzen Pause zurück und sollte mich bis Trier dann komplett durchweicht haben. Vor Trier hatte ich den originalen Track ziemlich entschärft und blieb unten am Fluss auf einem Radweg. Der Tag war aber auch schon so lang und hart genug und ich war relativ platt. Der letzte Hügel vor Trier kostete mit Navigationsproblemen, nassen glitschigen Trails und steilen Anstiegen dann nochmal alles.

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Da ich komplett durchweicht war und der Regen laut Regenradar auch noch bis in die Nacht reichen sollte, entschied ich mich ein Hotelzimmer zu nehmen. Was am Pfingstsonntag in Trier aber kein leichtes Unterfangen war. Nach dem ca. zehnten Telefonat hatte ich dann noch ein freies Einzelzimmer gefunden und legte dort erstmal mein gesamtes Equipment trocken. Nach zwei Tagen im Freien kam es mir im Hotel heiß wie in einer Sauna vor und ich öffnete erstmal das Fenster soweit es ging. Da ich keinerlei normale Bekleidung bei mir hatte, aber unbedingt noch ein paar Bier an der Hotelbar trinken wollte, machte ich mich in Radhose, meinem langarm Unterhemd (was ich zum Schlafen dabeihatte) und auf Socken in die Hotelbar auf. In dem recht feinen Hotel mag ich dann wohl etwas deplatziert gewirkt haben, aber das Bier war ausgezeichnet 😉

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Hunsrück / Pfälzer Wald

Nach einem First-class-Hotel-Frühstücksbuffet, wo ich mich primär durch das Rührei, Bacon und gebratene Lyoner gefuttert hatte, ging es dann auf den zweiten Part meiner Reise. Wobei sich der Saar Hunsrück Steig im Bezug aufs Bikepacking als Schnapsidee rausstellte. Viele holperige Wurzel-, Stein- und Wiesentrails jenseits des für mich Fahrbaren. Dazu noch sehr steile Anstiege hinauf zum keltischen Ringwall Otzenhausen. Das bepackte Rad da hoch und hinüber zu wuchten war die reinste Plackerei. So bin ich in der ersten Hälfte dieses Tages bestimmt über fünf Kilometer „Hike a Bike“ gewandert.

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Vor dem Erbeskopf habe ich dann den Saar Hunsrück Steig verlassen und den Track spontan etwas improvisiert angepasst. Ab dann war ich aber auch schon auf dem Teilstück unterwegs, welches ich mir von den Pfälzer MTBlern abgeschaut hatte. Und was für eine Wohltat war die Strecke dann auf einmal. Leichte Gravel-Trails und viele Schotterwege taten meiner Stimmung sehr gut. Als ich dann in Sankt Wendel noch einen Top Burger als Abendessen genoss, war die Plackerei des Vormittags schon wieder vergessen.

Voller Fahrspaß fuhr ich in den Abend rein. Es war ein tolles Gefühl einfach so weit zu fahren wie man wollte und sich dann zum Schlafen hinlegen zu können. Cycle, Eat & Sleep in der pursten und schönsten Form!

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Die ersten 2,9 Tage hatte mein geplanter Track soweit perfekt gepasst. Nicht alles fahrbar – holperige Trails bis über die Schmerzgrenze, aber es war zu mindestens immer ein Weg erkennbar. Am Ende des dritten Tages, wo ich mich so langsam auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz machen wollte, kam dann eine „spontane Überraschungseinlage“ auf mich zu.

Ich kam von einem Hügel runter und sollte das Tal durchqueren, um auf der anderen Seite auf den nächsten Hügel raufzufahren. Der Weg wurde plötzlich verdächtig zugewachsen mit Brennnesseln etc. Seit einer Weile war hier keiner mehr durchgefahren. Dann verlor sich der Weg im Nichts und ich stand im Wald. 50 Meter tiefer konnte ich die Straße sehen. Also scheißdrauf und mit dem Rad querfeldein den Abhang runtergerutscht. Unten waren dann eine hohe Wiese und eine Viehweide mit niedrigem Gras. Kurzentschlossen wuchte ich das 20 KG schwere Rad über den Zaun. Auf der Weide fiel mir dann ein, dass es hier ja Kühe haben könnte. Und prompt starrten mich einige verwirrte Rinder aus der Ferne an. Also blitzschnell das Rad wieder über den Zaun zurück und durch die hohe Wiese weiter.

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Aber wie es so kommen musste, war das noch nicht das Ende dieser Anekdote. Mitten in der Wiese war dann noch ein 1 Meter breiter und relativ tiefer Graben mit einem Bächlein darin. Radweitwurf und drüber springen war ausgeschlossen. Links war die Viehweide mit den Rindern, die mich ganz interessiert inspizierten. Rechts war soweit ich es sehen konnte keine Brücke und nur hohes Gras. Die Straße war aber nur noch 20 Meter entfernt. Da ich wegen der herannahenden Dunkelheit keine Zeit für irgendwelche Aktionen wie Schuhe ausziehen etc. hatte, schritt ich beherzt ins kühle Nass. Das Rad auf der anderen Seite irgendwie hochwuchten und mich selbst dann noch grazil den Hang hochziehen.

Als ich dann schließlich die Straße erreichte, musste ich innerlich (trotz Schlamm in den Schuhen) herzhaft schmunzeln. Kurz darauf erreichte ich irgendwo auf einer Anhöhe einen geeigneten „Campingplatz“ und legte meine Schuhe erstmal mit ein paar Tempos trocken.

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Am vierten Tag hatte ich dann nur noch ca. 170 KM bis nach Hause. Davon viele flache Stücke durchs Rheintal. Nach einem leckeren Bäckerei-Frühstück in Rodalben (u.a. Schnitzel-Weck mit warmen Schnitzel + Krautsalat) warteten noch die letzten Kilometer Wald + Trails bis Annweiler. Irgendwie war ich von den letzten Tagen nun doch schon recht kaputt und freute mich aufs flache Rollen durchs Rheintal.

Es wurde immer heißer und schwüler und Gewitter umkreisten mich. Zunächst aber noch mit etwas Abstand. In Kraichtal erwischte mich eine heftige Gewitterfront dann 40 KM vor zu Hause. Das volle Programm mit Hagel, Starkregen, Temperatursturz etc. Zunächst stand ich noch unter einem Baum, fuhr dann aber etwas weiter und fand eine zugige Brücke zum Unterstellen. Nass bis auf die Knochen schlotterte ich vor mich hin und zog mir alles an, was ich dabeihatte. Das reichte aber immer noch nicht und so schlotterte ich weiter.

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Nach über einer halben Stunde anhaltendem Starkregen wurde es dann zu mindestens etwas heller und der Regen leicht schwächer. So fuhr ich mich dann schließlich auf mir bis dato unbekannten Offroad Pfaden bis nach Hause.

Fazit

Bikepacking ist die Unterform des Fahrradfahrens mit dem vermutlich größten Freiheitsgefühl. Draußen zu Schlafen ist ein purer Genuss und wenn man es sich erst Mal getraut hat, fällt dies auch immer leichter. Tiefer kann man in die Natur mit dem Rad vermutlich nicht eintauchen. Auf der Straße mag das auch zu einem gewissen Grad funktionieren, aber an das Erlebnis im Gelände kommt das mit Abstand nicht ran. Ob bzw. wie weit man sich seinen Weg mit Trails und Steigungen erschwert, liegt im eigenen Ermessen. Mir würde fürs nächste Mal auch eine reine Schotter / Gravel Strecke ohne garstige Wurzeltrails ausreichen. Denn nach vier Tagen Trails mit Starrgabel sind meine kleinen Finger an beiden Händen durch die vielen Schläge und Vibrationen ziemlich taub geworden. Oder eben doch wieder etwas Federung am Lenker … mal sehen 😉

Links

Aufgezeichneter Track:
https://www.gpsies.com/map.do?fileId=womvnvhrfhangpbr

Aktivitäten auf Strava:
Tag 1: https://www.strava.com/activities/1582683465
Tag 2: https://www.strava.com/activities/1585114880
Tag 3: https://www.strava.com/activities/1587290822
Tag 4: https://www.strava.com/activities/1589087640

Flickr Fotoalbum mit vielen weiteren Bildern:
https://flic.kr/s/aHsmghbLYU

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Verfasst von: dawncycling | 5. August 2017

Baridür

Bericht zur SUPER RANDONNÉE BARIDÜR
29.7.-30.7.2017

Baridür ist im elsässischen Dialekt der Begriff für eine Bergwanderung (Bari = Berg & Dür = Tour/Wanderung). Sophie Matter, die Erfinderin der Super Randonnées, hat diesen Begriff treffenderweise als Titel für eine von ihr neu erschaffene Super Randonnée in den Vogesen verwendet. Da der Aufwand bezüglich Anreise für mich sehr überschaubar ist und die Strecke extrem reizvoll aussieht, habe ich sie als mein Highlight dieses Jahres unter die Räder genommen. Wer hier nun einen weiteren spannenden „Pleiten, Pech und Pannen“-Bericht wie im letzten Jahr erwartet, den muss ich leider gleich enttäuschen. Ich blieb dieses Mal komplett pannenfrei und hab 3 Ersatzschläuche, 3 CO2 Kartuschen und einen Ersatzmantel unbenutzt über alle Berge spazieren gefahren. Eigentlich lief (fast) alles nach Plan und auch mit dem erreichten Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Also kaum Stoff für einen spannenden Bericht – aber da es eine Super Randonnée war und ich erst der zweite Finisher dieser Strecke war, will ich trotzdem gerne darüber berichten (Super Randonnée werde ich im weiteren Bericht mit SR abkürzen).

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Die hohe Kunst des Bergwanderns (Theorie)

Unterwegs habe ich mir so einige Gedanken darüber gemacht welche Eigenschaft man am meisten benötigt, um so eine epische Herausforderung wie eine SR mit 600 Kilometern und mehr als 10.000 Höhenmetern erfolgreich absolvieren zu können. Man mag meinen, dass man dazu in erster Linie rein körperliche Eigenschaften wie z.B. eine möglichst durchtrainierte (Bein-)Muskulatur benötigt. Sicherlich wird man so eine SR nicht ohne ein sehr hohes Mindestmaß an Radtraining bzw. körperlicher Fitness bewältigen, aber auch die beste mir vorstellbare Muskulatur ist spätestens nach 5000 Höhenmetern platt und erschöpft. Aber das ist bei einer SR gerade mal die Hälfte der Strecke. Ich denke eher, dass der entscheidende Faktor in erster Linie eher die „Softskills“ bzw. der Kopf ist. Der Kopf lässt einen, wenn die Muskulatur (scheinbar) am Ende ist, die eigenen Grenze überwinden und Höhenmeter um Höhenmeter niedermachen. Oder auch nicht – ich habe schon bei anderen Versuchen eine SR zu bezwingen gesehen wie bei sehr gut trainierten Sportlern der Kopf plötzlich einen Strich durch die Rechnung macht und sie die Herausforderung nicht erfolgreich beenden konnten.

Gerade weil eine SR meist alleine in Angriff genommen wird kann man sich nicht auf die mentale Unterstützung von Mitfahrern stützen und muss ein sehr hohes Maß an Selbstmotivation mitbringen. Sind bei normalen Brevets die Mitfahrer oft ein motivierender Faktor um so einige Krisen-Stunde zu überwinden, muss man bei einer SR dies alles ganz alleine schaffen. Sobald man anfängt das Glas als halb leer zu betrachten und sich in negative Gedanken verfängt, kann dies schnell zu einem Selbstläufer werden und der Abbruch ist quasi schon in Sichtweite.

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Meiner Meinung nach benötigt man eine gesunde Mischung aus Demut und Wagemut um eine SR erfolgreich zu bewältigen. Einerseits ausreichend Demut bzw. den nötigen Respekt vor der Strecke und deren möglichen Schwierigkeiten. Man sollte sich in möglichst vielen Belangen optimal vorbereiten und so wenig wie irgendwie möglich dem Zufall überlassen. Eine weitreichende Langstreckenerfahrung ist IMHO zwingend notwendig. Mit z.B. nur einem absolvierten normalen 600er wird es meist sehr schwer. Man muss auch mit müdem Kopf und erschöpften Körper noch kritische Entscheidungen treffen können. Es passieren bei einem Abenteuer dieser Dimension meist ungeplante Dinge, auf die man dann spontan reagieren muss. Andererseits benötigt man eine große Portion Wagemut sich einer SR zu stellen. Man muss alle möglichen Probleme/Gefahren, auf die man sich nicht wirklich vorbereiten kann, ausblenden und ignorieren. Einige potentielle Risiken muss man einfach in Kauf nehmen und sich trotzdem trauen.

Kurzum es ist die innere Haltung eines Wanderers die es einem ermöglicht Berge zu versetzten. Mit der üblichen Haltung eines Radrennfahrers kommt man bei einer SR meist nicht bis ins Ziel. Über 10.000 Höhenmeter kann man nicht einfach „wegdrücken“ sondern muss sie mit stetem Tritt Umdrehung für Umdrehung „erwandern“.

Meine künstlerische Auslegung (Planung)

Mit bereits zwei erfolgreich bewältigten SRs war ich in der Lage auf selbstgemachte Erfahrungen zurückzugreifen und einen taktischen Plan zu schmieden. Da bei meinem Trainingsumfang das reine Finishen einer SR (Zeitlimit 60 Stunden) als alleiniges Ziel nicht ausreicht, spielt für mich die Zeitkomponente eine weitere Rolle. Und die Schallmauer von 40 Stunden hat sich bei einer SR als lockendes Ziel rausgestellt. Also das gleiche Zeitlimit wie es bei einem „normal hügeligen“ 600er Brevet gilt.

Da es hier ja immer um die Bruttozeit, also der Summe aus Fahr- und Pausenzeiten, geht, gibt es zwei Ansätze dies zu erreichen: entweder mit einer möglichst geringen Fahrzeit oder eben mit einer möglichst geringen Pausenzeit. Ich entschied mich ganz im Sinne der obigen Theorie für die zweite Variante. Mein Plan war es das Tempo so locker zu halten, dass ich nicht so erschöpft bin, dass ich eine Erholungspause benötige. Also nach der Trainingslehre der untere GA2 Grundlangenausdauer-Bereich.

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Zusätzlich wollte ich mich komplett selbstversorgt und rein flüssig ernähren. Das spart enorm Zeit, da man nirgendwo was einkaufen muss. Denn gerade Restaurantbesuche sind ein echter Zeitfresser. Meiner Ernährung bestand aus neun Flaschen Fresubin (2kcal/ml) und geschätzten 1,5 Kilos Maltodextrin 19 (langkettiger Zucker). Meine Motivation dazu ist, dass das Essen auf Ultra-Langstrecken alles andere als eine Freude ist. Man verliert oft jeglichen Appetit und das Essen ist vielmehr ein notwendiges Übel als das es eine Freude bereitet. Es ist lediglich eine „Nebenanforderung“ aber nicht der eigentliche Inhalt selbst. Und meine Erfahrung hat gezeigt, dass man mit einer rein flüssigen Ernährung sich diesem Übel komplett entledigen kann. Sicherlich absolut nicht jedermanns Sache / Geschmack, aber wie in allen Künsten sind auch bei einer SR verschiedene Auslegungen erlaubt.

Um diese Menge an Essens-Material nicht komplett mit mir rumschleppen zu müssen habe ich mir (wie schon letztes Jahr) zur Hälfte der Strecke auf der Anreise mit dem Auto ein kleines Depot eingerichtet und dort die Hälfte meiner Nahrung und ein paar Ersatzteile gebunkert.

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Gelebte Kunst (Praxis)

An den ersten Anstiegen habe ich mich bewusst zurückgehalten und immer mit einem Auge auf den Leistungsmesser geschielt, dass keine Werte größer 250 Watt zu sehen waren. Ich kam sehr gut in einen Flow-Zustand rein und war vom Start weg sehr fokussiert. Bei den Kontrollfotos habe ich stets darauf geachtet nicht zu viel Zeit zu verbummeln. Fotos machen und weiter ging es.

Zum Glück sind die ganzen Vogesen voller sprudelnder Brunnen. In vielen Orten auch mehr als nur einem. So war meine Wasserversorgung stets ohne Probleme gewährleistet. Auf vielen Brunnen stand zwar geschrieben „Eau non portable“ (Kein Trinkwasser) aber in der Praxis heißt das lediglich, dass die Wasserqualität nicht kontrolliert wird. Aus langjähriger Erfahrung hatte ich noch von keinem dieser Brunnen ein bemerkbares Problem. Also Griff ich da stets und ohne jegliches Zögern zu. Die rein flüssige Ernährung funktionierte prima. Das einzige Problem an das ich mich erinnere war, dass mir vor dem Depot die Vorräte ausgingen und ich etwas Hunger bekam.

Orte mit Supermärkten gab es an der Strecke nahezu keine. An den touristischeren Stellen gab es zwar einige Restaurants die auf Grund des schönen Wetters aber meist stark gefüllt waren. Die Essensversorgung ist auf dieser Strecke also, für alle die keine Selbstversorger wie ich sind, nicht ganz so einfach wie z.B. bei der SR Prealpina.

Meinen mentalen Fokus konnte ich bis zum Schluss halten und war die ganze Zeit wie in einem Tunnel unterwegs. Wenn es mal nicht so lief und ich negative Gedanken bekam half mir lautes „vor mich hin fluchen“ diese Gedanken umgehend wieder abzubauen. Hoffentlich hat mich da niemand gehört 😱

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Die ~ 4:40 Stunden Standzeit, die ich am Ende dann doch gesammelt hatte, stammten von einer Verpflegungspause an meinem Depot (~30 Minuten), einem kurzen Powernap im Straßengraben als die Müdigkeit zu viel wurde (~20 Minuten) und ansonsten nur von vielen kleinen Stopps wie für Kontrollfotos, Trinkflaschen füllen, Kontakte am Handy pflegen etc. Zum Vergleich: bei meinen bisherigen SRs hatte ich einmal ~10 Stunden (Belchen Satt!) und einmal ~8:20 (Prealpina) Standzeit gehabt. Unterwegs hatte ich dann tatsächlich auch keinen einzigen Cent ausgegeben 😜

Mit einem durchschnittlichen Pulswert von 101 Schlägen/Minute und maximal 134 Schlägen/Minute war ich nachweislich echt locker unterwegs. Am Ende blieb meine Uhr bei 36 Stunden und 40 Minuten Gesamtzeit stehen. Ein Ergebnis mit dem ich sehr zufrieden bin und das beweist, dass meine gewählte Taktik der langsamen Fahrt und der geringen Pausen die richtige war.

Kunst ohne Schmerzen? (Wahrheit)

Damit jetzt keiner denkt, dass dies alles völlig problemfrei bzw. schmerzfrei ablief, muss ich jetzt auch mal die Schattenseiten eines solchen Abenteuers beleuchten. Ein gewisses Maß an Schmerzen / Leiden gehört für mich zu dem Erlebnis Langstrecke seit jeher dazu. Darum erwähne ich das eigentlich nicht extra. Aber ab der Hälfte einer SR beginnt das Leiden so langsam einzusetzen und steigert sich dann kontinuierlich. Eine besondere Anforderung bei einer SR ist das viele Bergabfahren bzw. das Bremsen. Die Handflächen und Unterarme entwickeln sich mit zunehmender Fahrzeit zu echten Problemstellen. Besonders fies empfinde ich den Zustand, wenn sich die verschiedenen Leidensstellen gegenseitig duellieren. Im Wiegetritt schreien die Oberschenkelmuskeln und die Handflächen am Lenker. Im Sitzen stöhnt der schmerzende Hintern und die Achillessehne jubiliert. Ein schwer zu lösendes Leidenspuzzle 😝

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Nach dem ersten Drittel der Strecke hatte ich (mal wieder) so einen blöden Chainsuck wo sich die Kette völlig ungünstig in den Umwerfer verwickelt. Beim kraftvollen Lösen dieses Problems bin ich etwas abgerutscht und hab mir am Kettenblatt einen blutenden Schnitt im Daumen geholt. Diese Wunde sollte sich bis zum Ende nicht schließen und hat im Laufe der Zeit fast meine gesamte Ausrüstung mit roten (Blut-)Punkten verschönert.

Auf dem letzten Drittel der Strecke setzte bei mir noch ein recht unerwartetes und ernsthaftes Problem ein. Die rechte Achillessehne begann auf steileren Passagen zunehmend zu schmerzen. Und dass in einer Stärke, die eine weitere Reduzierung meines Tempos zwingend erfordert hat. Bisher hatte ich Achillessehnen-Probleme eher links und wusste auch keinen Auslöser auszumachen. Zu diesem Zeitpunkt waren noch einige Berge zu bewältigen und die Situation war durchaus kritisch. Eine Ibuprofen Schmerztablette schlug dann aber zum Glück direkt an und ließ ein halbwegs flüssiges fahren wieder zu!

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Die hohe Kunst der schönen Landschaften (Streckenführung)

Nun ein paar Worte zur Strecke von Sophie. Da ich erst der zweite Befahrer dieser Strecke war und vermutlich der Erste bin, der darüber berichtet, dürften diese Infos für alle anderen Liebhaber des Bergwanderns per Rad durchaus von Interessen sein.

Die Strecke ist extrem liebevoll und mit viel Hingabe zusammengestellt. Sie nutzt auf großen Teilen kleinste Nebenstraßen, auf denen es kaum motorisierten Verkehr gab. Stellenweise war es echt total abgefahren und ich fragte mich zum einen, warum die Franzosen ihre Waldwege asphaltieren und zum anderen wie Sophie diese Straßen dann gefunden hat. Letztere Frage hat mir Sophie dann per Mail beantwortet: sie ist in den Vogesen aufgewachsen und hat dort mit dem Radfahren angefangen. Einziger Nachteil dieser kleinsten Nebenstraßen durch den Wald ist, dass ihr Belag manchmal nicht mal mehr dem Begriff Grobasphalt gerecht wurde. Bergab war man darauf fast nicht schneller unterwegs als bergauf. Zu viele Schlaglöcher, loses Geröll, Äste und so weiter…

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Weiterhin hat mich der große Abwechslungsreichtum der Strecke total begeistert. Keine 20 Kilometer waren wie die anderen. Hinter jedem Berg wartete eine neue Überraschung. Spannender als jeder Krimi! Hier ein paar landschaftliche Highlights: die Seenlandschaft auf der Hochebene hinter dem Ballon de Servance, die Route de Cretes, der Radweg am Rhein-Marne-Kanal entlang – Flussradeln auf einer SR – wie geil ist das denn 😉 und die elsässischen Weinberge bei Bergheim.

Die Strecke enthält aber keine echten Rollstücke und ist vom Start bis ins Ziel durch ein ständiges Auf und Ab geprägt. Dabei ist auch viel Kleinvieh – also Hügel, Kuppen, Wellen, Maulwurfhügel etc. Die Steigungen sind auf den ersten zwei Dritteln durchweg human und nicht steil. Ab dem Anstieg von Muhlbach zum Grendelbruch mit Ø 11% Steigung bei ~ KM 400 beginnt es steiler zu werden. Aber alles kein Vergleich zu Belchen Satt! – ans Schieben habe ich nie gedacht.

Die letzten 125 Kilometer sind mit über 3000 Höhenmeter allerdings noch ein echtes Biest vor dem erlösenden Ziel. Doof nur, wenn man bis dahin Probleme an der Achillessehne entwickelt hatte. Der „kleine niedliche“ Petit Ballon von seiner „Nicht-Schokoladenseite“ war für mich mit nicht flachen 800 Höhenmetern absolut kein Zuckerschlecken.

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Letzter Pinselstrich (Fazit)

Die SRs haben mich echt in ihren Bann gezogen. Und beim dritten Versuch habe ich auch eine geeignete Taktik gefunden sie effizient zu bezwingen. Das wird also mit Sicherheit nicht meine letzte SR gewesen sein! Aber ob ich beim nächsten Mal die Taktik komplett wechsle und z.B. mit zwei Hotelübernachtungen das Zeitkontingent komplett ausnutze, wird sich zeigen. Es gibt so viele künstlerische Auslegungen die alle einmal ausprobiert werden sollten 🙃

Links

Die Strecke mit allen Kontrollpunkten:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=pebycofpsvwxbvar

Flickr Fotoalbum mit vielen weiteren Bildern:
https://flic.kr/s/aHsm1ygf29

Aktivität auf Strava:
https://www.strava.com/activities/1109050058

Offizielle Seite des ACP:
http://www.audax-club-parisien.com/EN/424%20-%20Routes%20Super%20Randonn%C3%A9e.html

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Verfasst von: dawncycling | 15. Juni 2017

Irgendwo im Nirgendwo

Bericht zum 600er Brevet „Ardennen-Champagne“ von ARA Saarland
am 10.06.2017

So wird das wieder nix mit einem spannenden Brevetbericht, dachte ich so vor mich hin, als wir zu viert die ersten 200 Kilometer bereits in 6:30 Stunden Bruttozeit bzw. einem 32er Schnitt zurückgelegt hatten. Über Brevets zu berichten, bei denen alles glatt und ohne Komplikationen verläuft ist einfach zu langweilig und uninteressant. Aber da dieses Brevet für mich doch noch einen spannungsvollen Verlauf nehmen sollte, bin ich jetzt doch mal wieder beim Schreiben eines kleinen Berichtes 😏

Unsere Vierergruppe bestand aus den drei Schwaben (Marco, Jochen, Tilo) und dem Luxemburger Tom. Wir waren neben einigen technischen Gemeinsamkeiten (alle hatten Lupine Akku Lampen am Rad und alle ernährten sich weitestgehend flüssig über (Kohlenhydrat-)Pulver im Getränk) zu mindestens am Anfang auch körperlich ziemlich auf einer Wellenlänge. Und auch so verstanden wir uns gut und die Stunden vergingen bei einigen Plaudereien wie im Flug.

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Das Wetter bzw. die Vorhersage waren ziemlich nahe am Optimum. Absolut trocken, tagsüber am Samstag mit ~27 Grad nicht zu heiß und eine erträgliche Nachttemperatur von 14 Grad war angesagt. So lässt es sich angenehm radeln!

Nach der Kontrolle in den Ardennen bremste Gegenwind auf dem Weg nach Reims unseren Schnitt etwas ein. Aber die ersten welligen 310 Kilometer mit einem 31er Schnitt waren trotzdem immer noch ganz schön sportlich. Vermutlich etwas zu sportlich, wie es mich meine Beine auf den letzten 200 Kilometern dann noch spüren lassen sollten.

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Nach Reims warteten die hügeligen Weinberge der Champagne auf uns. Eigentlich ganz hübsch, aber Weinberge habe ich zu Hause auch mehr als genügend 😁 In Châlons en Champagne waren an dem lauen Sommerabend die Straßen voller Leute und eine Art Stadtfest war wohl im vollen Gange. Da mir durch die zurückgehende Sonne schnell kühl wurde, zog ich schon mal die Weste und die Armlinge an.

Nun warteten auf uns rund 160 Kilometer pure Einsamkeit mit Null Versorgungsmöglichkeit. Es ging auf kleinsten Hügeln (was auch sonst?) durch ein sehr ländliches Gebiet was rein durch Ackerzucht und Viehbau geprägt war. Wir redeten noch darüber, dass wenn man hier eine ernsthafte Panne hat, ganz schön improvisieren müsste.

Nun kommen wir so langsam zu dem Teil, bei dem das Brevet für mich dann etwas spannender wurde bzw. ich etwas die Kontrolle verlieren sollte. Dazu muss man wissen, dass ich die Nacht vor dem Brevet leider kaum geschlafen hatte. Sorgen um Rückenschmerzen der letzten Tage und etwas Lampenfieber hatten mich wachgehalten. Den ganzen Tag fuhr ich schon mental etwas gedämpft wie unter einer Dunstglocke von Müdigkeit. Da schwebte diese Dunstglocke aber noch über mir und war zu kontrollieren. Mit der einsetzenden Dunkelheit nahm die spürbare Müdigkeit aber schnell für mich zu. Ab Reims war ich in unserer Gruppe schon der schwächste Teilnehmer gewesen und meist nur „hinten drauf gelegen“. Jetzt hatte ich aber durch die Müdigkeit sogar konzentrationsbedingte Probleme das Hinterrad meines vor mir fahrenden Kollegen zu halten. Zunächst versuchte ich es durch eine weitere Guarana Kapsel. Die Wirkung war nur minimal spürbar und änderte die Situation kaum. So konnte ich beim besten Willen keine ganze Nacht durchfahren!

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Da es kurz vor Mitternacht noch einigermaßen warm war, fasste ich den Entschluss mich in einem der kleinen Orte irgendwo für einen Powernap hinzulegen. Als ich in Charmont an einer Schule/Gemeindehaus/etc einen überdachten Vorraum mit dem Charme einer Bushaltestelle erspähte, verabschiedete ich mich von meinen Mitfahrern. Der Steinboden war kalt, zwei Häuser weiter kläffte permanent ein nervender Köter und die Guarana-Kapsel schien nun doch zu wirken 😆 Aber für eine halbe Stunde mal die Augen zu schließen war trotzdem eine echte Wohltat für mich!

Danach kramte ich meinen Motivations-Joker aus dem Gepäck: den MP3-Player! Musik ist für mich pures Doping. Und nach dem die ersten Frier-Anfälle nach meiner Weiterfahrt überstanden waren, war meine Stimmung kurzzeitig wieder am Siedepunkt angelangt. Ich legte alle meine Classic-Hits für Nachtfahrten auf wie z.B. „Children Of The Dark“ von MONO INC. oder „Army Of The Night“ von POWERWOLF 🙃 Laut singend fuhr ich vor mich hin und war auch etwas erleichtert nun mein Tempo fahren zu können und nicht mehr irgendwelche Hinterräder halten zu müssen. Die Nacht war klar und wurde von einem recht vollen Mondlicht erleuchtet. Einfach traumhaft!

Irgendwo im Nirgendwo kläffte an einem Bauernhof dann wieder ein Hund. Von der Tonart aber deutlich tiefer und voluminöser als der an meinem Schlafplatz. Eher so die Gewichtsklasse Bulldogge / Dobermann! Aus einem Augenwinkel bemerkte ich dann, dass dieses „Monster“ nicht angeleint war und mir nachsetzte. Adrenalinschub pur und der nächtliche Zwischensprint ging dann zum Glück zu meinen Gunsten aus!

Leider weilte dieses kurze Hochgefühl nur ca. 2 Stunden und nachdem auch das Adrenalin des Hunde-Zwischensprintes weg war, kam die Müdigkeit wie ein Dampfhammer zurück. Erstmalig erlebte ich auf dem Rad müdigkeistbedingte Halluzinationen: Die Striche der Mittellinie wurden zu weißen Marshmallow-Mäusen, die vor mir davonliefen. Im Wald sah ich Gebäude, die beim zweiten Blick nicht vorhanden waren. Hinzu kamen kurze Anfälle von Sekundenschlaf. Es war inzwischen 2:30 Uhr und die Temperatur war an ihrem Tiefpunkt in dieser Nacht angelangt. Nicht wie vorhergesagt 14° sondern knapp unter 10° Grad. Gefühlt noch deutlich darunter. Ich hatte alles an Kleidung am Körper, was ich im Gepäck hatte und fror trotzdem selbst beim Fahren. Wobei von Fahren nicht mehr zu reden war – der Tacho zeigte teilweise nur noch 10km/h. Alarmstufe Rot war erreicht – es bestand akuter Handlungsbedarf!

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Auf dem freien Feld bzw. im Wald zu schlafen war gar keine Option – also schleppte ich mich in den nächsten kleinen Ort. Aus meiner Aufzeichnung entnahm ich später den Namen des Ortes „Fesnes-au-Mont“ mit ca. 100 Einwohnern. Wo aber nun einen Schlafplatz hernehmen, an dem man nicht erfriert? Ich war innerlich echt leicht verzweifelt. Ich fuhr zunächst an einem Haus mit einem Gewächshaus im Garten vorbei. Den kurzen Gedanken daran das Gewächshaus zu besetzen verwarf ich aber recht schnell wieder. Ich stoppte an einem großen Haus mit einer Sitzbank davor. Auf der Sitzbank würde ich zu mindestens nicht direkt auf dem Boden liegen. Aber es war eigentlich echt zu kalt, um draußen zu schlafen. Also schlich ich um dieses große Haus rum. Es war das Rathaus des Ortes wie sich später rausstellte. Da es unbewohnt war probierte ich an Hintertür ob diese verschlossen war. Und oh Wunder sie war offen! Und drinnen war es mindestens 10° Grad wärmer als draußen. Was für ein großes Glück! Also schnell mein Rad geholt und rein in die gute Stube. Drinnen war ein Versammlungsraum, Toiletten, eine Küche und verschlossene Büros. In der Garderobe hing eine einsame vergessene und etwas verratzte Trainingsjacke. Ich nahm diese unfreiwillige Kleiderspende gerne an und zog mir die Jacke sofort an, da ich immer noch tierisch fror. Ich fand ein kleines Fleckchen mit Teppichboden und schlief dort ca. zwei weitere Stunden. Kein Tiefschlaf – sowas kann ich solchen Momenten (leider) nicht.

Nach dieser Pause war es zu mindestens mit der akuten Müdigkeit deutlich besser. Aber auf diesem sehr hügeligen Teil war bei mir dann völlig die Luft raus. Mit platten Beinen, dem Kopf immer noch unter der imaginären Dunstglocke von Müdigkeit und ohne Motivation rollte ich zäh vor mich hin. Zu mindestens das Thema mit der Kälte sollte sich bald erledigen. Als die Sonne rauskam, begann sie sofort zu wärmen.

Hier noch ein paar generelle Worte zur Strecke: Stefans Streckenführung führt weitestgehend über kleine und kleinste wellige Straßen. In der ganzen Nacht habe ich kaum ein Auto gesehen. Sehr liebevoll ausgewählt und ohne unnötige Schlenker! Aber nur mit französischen Bodenwellen rund 6000 Höhenmeter zu sammeln ist schon sehr hart. Ich mag mal ganz subjektiv behaupten, dass es der härteste (normale) 600er ist, den ich bislang gefahren bin. Und wenn einer nach dem Vergleich zu PBP fragt – bei PBP sind die Bodenwellen IMHO wesentlich länger und gleichmässiger. Landschaftlich gibt es schon ein paar schöne Ecken (Ardennen & Champagne), aber weite Strecken sind einfach französische Pampa. Am Anfang macht das noch voll Spaß, aber schon recht schnell gehen einem z.B. die unzähligen Bodenwellen in jeder Ortschaft und der berüchtigte französische Rauasphalt auf den Geist. Aber alle Freunde von exzessiver Ackerzucht und Viehbau kommen hier voll auf ihre Kosten! Es gibt genügend schwarze Kühe, weiße Kühe und ab und an auch Mal braune Kühe zum Betrachten.

Meine drei Mitstreiter erreichten noch knapp unter 24 Stunden das Ziel. Bei mir war es dann schon ziemlich sonnig, als ich gegen 11:30 Uhr wieder am Campingplatz in Wallerfangen ankam.

Links

Offizielle Seite des Veranstalters:
http://www.ara-saarland.de/

Die Strecke mit allen Kontrollpunkten:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=uqxapfacpkpdfbcm

Aktivität auf Strava:
https://www.strava.com/activities/1031027813

Flickr Fotoalbum mit weiteren Bildern:
https://flic.kr/s/aHsm2FNoxB

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Verfasst von: dawncycling | 2. Juli 2016

Hagel, Rotlicht & Männer in Müllsäcken

Bericht zur SUPER RANDONNÉE PREALPINA
25.6.-26.6.2016

Superrandonnée?

Eine Superrandonnée ist eine spezielle Form von einem Langstreckenbrevet mit eigenen Regeln. Um als Superrandonnée zu gelten, muss eine Strecke 600 Kilometer aufweisen und dabei mindestens 10 000 Höhenmeter beinhalten. Die Zeitvorgabe richtet sich nach den Höhenmetern – die Prealpina mit 618 Kilometern und 12 674 Höhenmetern ist bei der Randonneurs-Version in einer Zeit von maximal 55 Stunden zu bewältigen. Superrandonnées werden nicht als Brevets, sondern als Permanente angeboten. Der Nachweis der Streckenabsolvierung erfolgt nicht wie sonst üblich durch Stempel in die Brevetkarte, sondern durch Gipfel-Fotos an markanten Punkten, die genau vorgegeben sind.

Meiner Meinung nach stellen die Superrandonnées die Königsdisziplin des Langstreckenradelns dar, da man neben ausreichender körperlicher Fitness auch sehr viel gesammelte Erfahrung auf der Langstrecke mitbringen sollte, um diese Herausforderung erfolgreich zu absolvieren. Unterwegs ist man komplett autark und muss alle auftretenden Schwierigkeiten selbst bewältigen – ohne Netz und doppelten Boden.

Wenn man als Randonneur zu den „Schwerstabhängigen“ unter den Radfahrern gehört, dann sind die Superrandonnées der richtig harte „Stoff“ der besonders heftig reinknallt!

Profile

Die Planung

Schon kurz nachdem ich im Internet über die Seite der SR Prealpina gestolpert war, stand für mich fest, dass ich diese Strecke unbedingt fahren möchte. Durch etliche Urlaube am Lago Maggiore kannte ich die Gegend schon ein wenig und war von der Schönheit der Landschaft dort stets begeistert.

Um den finanziellen Overhead für diese Aktion (Anfahrt, Übernachtung, etc.) in Grenzen zu halten, suchte ich schon frühzeitig nach Mitfahrern. Nach einigem hin und her waren dann schlussendlich meine Begleiter gefunden: Der Superrandonnée Nimmersatte Tobias – er ist die „Belchen Satt“ SR schon vier Mal gefahren. Mit ihm bin ich letztes Jahr bei PBP den Großteil gemeinsam gefahren. Und Marco, der wohl zum Radfahren geboren wurde (Born2Bike). Er war bei PBP 2015 mit ~47h der drittschnellste deutsche Teilnehmer gewesen.

Als Termin wählte ich ein Wochenende dicht an der Sommer-Sonnenwende, um möglichst wenig in der Dunkelheit unterwegs sein zu müssen. Mit der Startzeit um 5:00 Uhr Morgens und unserem selbst gesteckten Ziel die Strecke unter 40 Stunden zu bewältigen käme man also mit nur einer einzigen kurzen Nachtfahrt aus.

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Der lockere Anfang

Um Punkt 5:00 Uhr waren wir mit „German Pünktlichkeit“ zum Start an der Piazza Mazzini in Castano Primo erschienen. Auch Fulvio, der Organisator der Superrandonnée, war schon da und machte das erste Kontrollfoto von uns dreien. Er erklärte uns noch, dass auf dem ersten Abschnitt eine Brücke abgerissen wurde und wie wir diese umfahren können.

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Die Strecke beginnt mit einem angenehm flachen Einrollen in direkter Richtung auf die Berge zu. Und auch die ersten fünf Anstiege weisen noch keine fiesen Steilstücke auf.

Da wir alle erfahrenen Langstreckenradler sind, verabredeten wir schon im Vorfeld, dass es keine festen Verabredungen für eine gemeinsame Gruppenfahrt gibt. Lediglich bis zum ersten Kontrollfoto wollten wir auf jeden Fall zusammen bleiben. Alles andere sollte sich nach dem Motto „alles kann – nichts muss“ ergeben. Bei so einem Vorhaben ist es sehr wichtig seinen eigenen Rhythmus zu finden und sich durch Verabredungen nicht gehetzt oder gebremst zu fühlen.

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Die Dramaturgie beginnt

Die Wetteraussichten sahen im Vorfeld gar nicht so schlecht aus. Am ersten Tag sollte es (mit einer geringen Wahrscheinlichkeit) etwas regnen, aber die Temperaturen sollten stets im angenehmen Bereich bleiben. Und für den zweiten Tag sollte es weitestgehend trocken bleiben. Als wir morgens vor dem Start aufwachten, bemerkten wir in der Ferne Blitze und hatten auf dem Regenradar gesehen, dass ein Gewittergebiet über unsere Strecke zog. Unterwegs sahen wir durch umgestürzte Bäume und Äste auf der Straße dann auch wie wild das Gewitter gewesen sein musste. Aber wir waren noch guten Mutes, dass wir von sowas verschont bleiben und zwischen den Wolken durchfahren könnten.

Den zweiten (längeren) Anstieg aus Biella raus zum Bielmonte begann ich noch mit Marco. Tobias fuhr etwas zurückhaltender. Wie Tobias mir später mitteilte, brauche ich wohl immer zu Anfang eine Phase des Austobens bevor ich „zur Vernunft komme“ – er mag dabei schon etwas Recht haben…

Als dann entgegenkommende Autofahrer mit der Lichthupe und entgegenkommende Radfahrer mit wilden Gesten uns zu verstehen geben wollten, dass wir umkehren sollten, bemerkten wir die Unwetterwand die sich direkt vor uns aufbaute. Aber da wir ja eine Mission zu erfüllen hatten, wurde dies nicht mal in Gedanken in Betracht gezogen!

Kurz darauf begann es dann auch schon zu regnen und wir stoppten um die Regenkleidung anzuziehen. Wegen der recht ordentlichen Vorhersagen hatte ich nur eine Regenjacke dabei. Marco hatte noch ein kurze Regenhose mit, um die ich ihn diesem Moment etwas beneidet habe. Sie mitzunehmen hätte kaum Zusatzgewicht bedeutet. Der „Matarialpoker“ ist bei einer Langstrecke immer eine spannende Sache. Ach ja, Tobias hatte gar keine Regenkleidung dabei ツ

Der Regen steigerte recht schnell seine Intensität und die ersten Sturzbäche flossen über die Straße. Weiter oben kam dann noch (etwas) Hagel hinzu. Nach dem Kontrollfoto bemerkten wir dann aber, dass wir nochmal glimpflich davongekommen waren. Denn auf der Abfahrt war die Straße teilweise komplett mit kirschkerngroßen Hagelkörnern bedeckt bzw. vereist. Weil auch sehr viele Steine und Geröll auf die Straße gespült wurden, war die Abfahrt extrem bescheiden zu fahren. Als bekennendes Abfahrtsweichei also genau mein Ding ツ

Unten in Coggiola war die Lage dann noch etwas wilder. Zuerst hatte ein Erdrutsch die Straße auf ca. 50 Metern mit Erde und Geröll bedeckt und weiter unten dann musste ich durch einen 25cm tiefen „See“ auf einer Brücke fahren.

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Nur höhere Gewalt kann uns stoppen

Nachdem ich wieder auf Marco aufgefahren war, begannen wir unmittelbar mit dem Aufstieg zur Alpe Noveis. Doch schon bald darauf stoppte uns ein Auto, um uns zur Umkehr zu bewegen, da die Auffahrt den kompletten Tag wegen einer Auto-Rallye gesperrt sein sollte. Was für ein Mist! Erstmal ließen wir uns davon nicht stoppen sondern fuhren weiter. Doch schon bald kamen die nächsten Ordnungskräfte. Wir versuchten mit Händen und Füssen unser Anliegen klar zu machen. Wir konnten kein italienisch und die kein englisch. Ich fragte nach Wanderwegen etc. um einen Ausweg zu finden und nicht wegen so einem Mist zu scheitern. Wir verständigten uns dann darauf die Räder zu schieben und bei allen kommenden Autos die Straße zu räumen.

Als wir nur noch ca. 2 KM vom Gipfel entfernt waren kam uns Stefano entgegen. Er war auch Teilnehmer Superrandonnée und ca. sieben Stunden vor uns gestartet. Er konnte gut Englisch und erklärte uns, dass oben kein Durchkommen war. Er hatte mit Fulvio telefoniert und sich mit ihm verständigt, dass wir diesen Anstieg umfahren sollten.

Zurück im Tal in Coggiola telefonierte Stefano erneut mit Fulvio und wir warteten, bis Tobias auftauchte. Wenn er alleine in diese Situation gefahren wäre, hätte er nicht die ganzen Infos, die wir schon hatten. Und er kam dann auch schon bald angefahren und wir erzählten ihm alles.

Zum Glück war die Alpe Noveis kein Pass in ein anderes Tal und ließ sich sehr einfach umfahren! An den nächsten Anstiegen konnte ich Marcos Tempo nicht mehr halten und fuhr alleine meinen Rhythmus weiter. Der Regen hatte aufgehört und die Anstiege ließen sich flüssig treten.

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In Omegna nach 210 KM hatte ich eine Pause geplant um was Richtiges zu essen. Bei einem Chinesen wurde ich fündig und kurz nachdem ich mein Rad abgestellt hatte, begann es wieder zu regnen. Das war wirklich ein optimales Timing bei einem Teller Nudeln einen Schauer auszusitzen.

Als ich noch etwas aus meinen Radtaschen holte, kam dann Tobias angefahren. Er hatte nicht ganz so viel Glück mit dem Regen-Timing und war nochmals nass geworden. Er gesellte sich zu mir und bestellte auch einen Teller Nudeln.

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Es wird steiler

Nach der Pause war der Regen für diesen Tag vorüber und die Sonne kam warm und kräftig zum Vorschein. Mit dem Anstieg zum Mottarone waren aber auch die einfachen Anstiege vorüber und es wurde steiler. Unrhythmisch aber mit traumhaft schönen Aussichten ging es lang nach oben.

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Auch der nächste Anstieg nach Piancavallo war endlos lang, steil und unrhythmisch. Wir waren inzwischen beide etwas angeschlagen und es lief nicht mehr rund. Ich bin den ganzen Tag über nicht in ein richtiges Flow-Gefühl gekommen und trat ziemlich stupide und gequält vor mich hin.

Oben kurz hinter Piancavallo war dann eine sehr skurrile riesengroße Klinik mitten im Wald. Nur durch steile kleine Sträßlein erreichbar, wirkte das Ganze etwas deplatziert und recht unheimlich wie aus dem Horror Film Shining.

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In der Abfahrt enthält der offizielle Track einen Fehler und will uns auf einem Wanderweg weiter nach unten führen. Wir nahmen die Straße, was mit einem doofen Gegenanstieg „belohnt“ wurde.

Unten am Lago Maggiore wollten wir dann vor der bevorstehenden Nacht nochmal was essen und fanden im Touri-Örtchen Cannobio eine geeignete Pizzeria an der Uferpromenade.

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Plötzlich gingen die Lichter aus (bzw. nicht an ツ)

Der Versuch meine Lupine Piko nach dem Essen an den Akku anzuschließen (tagsüber hatte ich mit dem Akku mein Handy geladen) endete in einer akuten Schockstarre! Denn statt zu leuchten blinkte sie nur jämmerlich einen Error-Code und ging wieder aus. Wir versuchten es zunächst mit dem Akku von Tobias aber auch damit das gleiche Blinken. Bei der weiteren Untersuchung fiel mir Wasser hinter der Scheibe auf. Sie war also während des Unwetters einfach abgesoffen. Was ein Epic Fail für eine Lampe dieser Preisklasse! Und da ich mich komplett auf die Qualität der Lupine verlassen hatte, war natürlich keine Ersatz-Frontbeleuchtung in meinem Gepäck.

Nun ist es gar nicht so einfach in einem erschöpften und müden Zustand vernünftige Entscheidungen zu treffen. Wäre ich alleine gewesen wäre mir nur eine Hotelübernachtung bis zum Sonnenaufgang übrig geblieben. Da aber Tobias bei mir war, suchten wir gemeinsam nach einer Lösung.

Da ich aber zu mindestens zwei Rücklichter dabei hatte, schmiedeten wir den Plan, dass ich das Lupine Rotlicht, was sich recht hell stellen lässt, als Frontlicht verwende. Der nächste Anstieg war einer der einfachsten der ganzen Strecke. Vor allem die Abfahrt war nicht steil und sollte so einigermaßen zu bewältigen sein. Wir wollten uns so bis unserem „Depot“ bei KM 370 durchschlagen und dort ein wenig schlafen. Danach wollten wir noch im Dunkeln den Aufstieg zur Alpe di Neggia angehen um dann zum Sonnenaufgang oben zu sein und die Abfahrt im Hellen fahren zu können.

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Eigentlich funktionierte der Plan ganz gut, wenn ich nicht so müde gewesen wäre und Probleme hatte dicht bei Tobias zu bleiben. In der Abfahrt reichte das Rücklicht nämlich nicht für eine sichere Fahrt bei höherem Tempo aus. So entschieden wir uns in der Abfahrt nach Locarno einen kurzen Stopp einzulegen um mal die Augen zu schließen. Und in der Tat helfen in solchen Momenten fünf Minuten mit geschlossenen Augen aus um wieder konzentriert fahren zu können. So erreichten wir dann ohne weitere Probleme Locarno und dann so gegen 1:00 Uhr unser „Depot“ auf der anderen Seite des Sees.

Männer in Müllsäcken

Unser „Depot“ hatten wir in der ersten Kehre des Anstieges zur Alpe di Neggia während unserer Anreise mit dem Auto eingerichtet. Jeder hatte sich Verpflegung und Ersatzteile seiner Wahl in einen Müllsack gepackt. Diese Müllsäcke haben wir dann dort versteckt.

Die Nacht war mit ~19 Grad zwar halbwegs warm, doch friert man in einem erschöpften und durchgeschwitzten Zustand sehr schnell, wenn man auf dem blanken Asphalt liegt. Daher entleerten wir unsere Verpflegungs-Müllsäcke, um darin zu mindestens etwas Wärme zu finden. Es glich einer unlösbaren Aufgabe einen 180cm Mann in einen 120l Müllsack zu falten. Und so lagen wir da auf dem Parkplatz in der ersten Kehre zur Alpe di Neggia und versuchten leicht bibbernd zu schlafen. Ein vorbeifahrendes Auto machte, nachdem es uns entdeckte, auch sofort kehrt um nach dem Rechten zu sehen. Scheinbar hatte der Fahrer noch nie in Müllsäcken schlafende Radfahrer gesehen. Ich winkte ihm, dass alles in Ordnung war und er zog von dannen.

Wie es dann möglich war, in diesem Zustand fast zwei Stunden zu schlafen, ist mir im Nachhinein ein großes Rätsel, aber ich musste Tobias um 3:00 Uhr daran erinnern, dass wir weiter wollten. Also schnell noch die letzten Leckereien aus dem Vorräten gefrühstückt und dann ging es auch schon wieder bergauf.

Die Alpe di Neggia ist von den Steigungsprozenten und von der Länge her einer der härtesten Brocken der Strecke. Aber da die Steigung die ganze Zeit nahezu konstant ist, war sie viel angenehmer zu fahren als befürchtet.

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Nach dem Lampenausfall war ich moralisch leicht durch den Wind. Und es kamen immer weitere Nadelstiche in der Gestalt von seltsamen Gemeinheiten hinzu. Da war die Flasche Fresubin, die ich an meinen Rahmen geklebt hatte und die plötzlich nicht mehr ganz dicht war. Alles war dann extrem klebrig und roch nach Waldbeeren. Dann hatte sich in Locarno meine Kette dermaßen in den Umwerfer verwickelt, dass ich befürchten musste sie nicht mehr frei zu bekommen. Als ich mich dann im Anstieg zur Alpe di Neggia in einer Kehre beim „in den Wald kacken“ noch in Brennnesseln setzte, witterte ich so langsam eine ziemlich üble Verschwörung von finsteren Mächten ツ

In dem frühmorgendlichen Delirium haben Tobias und ich uns auch noch aus den Augen verloren. Keiner wusste, ob der andere vor oder hinter einem war. In den Abfahrten ist es mit der Müdigkeit immer am Schlimmsten, da dort der Puls in den Keller fährt. Und so musste ich in der Abfahrt von der Alpe di Neggia nochmals einen kurzen Powernap machen, um nicht unkonzentriert im Graben zu landen. Unten am See traf ich dann zum Glück bald wieder auf Tobias.

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Plötzlich war die Luft raus

Die finsteren Mächte versuchten weiter mich vom Erreichen meines Ziels abzuhalten. Dieses Mal in der Form eines platten Hinterreifens. Aber es war nicht nur ein einfacher Platten, sondern der Mantel war aufgeschlitzt und der Schlauch schaute raus. Alles andere wäre für diese Tour auch nicht angemessen gewesen ツ

Was ein Glück, dass ich seit den Erlebnissen beim diesjährigen 200er Brevet Mantelflicken von ParkTool mit mir führe. Und so ließen sich die Finsterlinge auch ein weiteres Mal vertreiben und es ging mit frischer Luft weiter!

Gegen 10:00 Uhr vor dem Aufstieg nach Lanzo d’Intelvi hatten wir schon wieder Hunger und fanden ein Bistro wo wir Lasagne bekamen. Erneut regnete es, während wir Pause machten und im Trockenen futterten.

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Nur nicht unterkriegen lassen

Nach der Pause lief es bei mir so langsam wieder besser. Die Müdigkeit war weg und die Sonne machte das Fahren recht angenehm. Körperlich war bei mir alles so weit im Lot. Unsere Bergauffahrten waren zwar keine Glanzstücke mehr, aber für ~500 KM in den Beinen lief der Dieselantrieb noch ganz flüssig.

Unsere Laune wurde von der Aussicht, dass wir trotz der ungeplanten pannenbedingten Pausen das Ziel unter 40 Stunden erreichen sollte weiter beflügelt. Aber die finsteren Mächte versuchten es in Luino ein letztes Mal die Oberhand zu gewinnen: wieder war mein Hinterrad platt. Da es mein letzter Schlauch war, untersuchte ich den Reifen sehr genau und fand nichts. Als letzte Reserven hatte ich jetzt noch Flicken dabei. Nehmt euch in Acht ihr gemeinen Finsterlinge- mit einem Randonneur treibt man keine so üblen Spiele!

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Der letzte Berg, der Passo Cuvignone, war ein völlig unerwarteter Hammer. Auf einer sehr schmalen Straße ging es in unzähligen Kehren steil bergauf. Gegen Ende wurde er dazu immer steiler (~13%). Man hätte meinen können er wolle uns nicht ziehen lassen. Auch die Abfahrt war stressig, da vom vielen Bremsen inzwischen die Hände ziemlich schmerzten.

Flach fahren können wir!

Man könnte meinen, dass wir nach 600 KM in den Beinen die Sache gemütlich auslaufen lassen würden. Weit gefehlt! Im Rausch der Endspurt-Euphorie bretterten wir mit einem 30er Schnitt in Richtung Castano Primo. Die finsteren Mächte waren scheinbar endgültig niedergerungen, oder etwa doch nicht? Nur 15 KM vor Castano Primo setzten sie uns dann noch eine, auf den ersten Blick nicht umfahrbare, Baustelle in den Weg. Unseren Mitfahrer Marco haben sie hier mit dieser Nummer ein paar Stunden zuvor so richtig dran gekriegt – er ist hier einen 30 KM Umweg gefahren. Wir haben jedoch die Umleitungsschilder richtig erkannt und sind nicht auf diesen fiesen Trick reingefallen.

Das wir dann trotz all dieser trickreichen Fallen und Hindernissen Castano Primo erreichten, muss die Finsterlinge dermaßen erzürnt haben, dass sie in rasender Wut über unseren Triumph ein unglaubliches Gewitter über unseren Köpfen entluden. Noch nie zuvor bin ich direkt durch ein so heftiges Gewitter gefahren und hab solch einen lauten Donner erlebt. 4 KM vor Castano Primo wartete Fulvio (der Organisator) auf uns und winkte uns dann in eine Bar um uns zu einem Bier einzuladen.

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Schlussstrich

Unterm Strich war die Prealpina Superrandonnée ein faszinierendes Abenteuer epischen Ausmaßes. Noch nie zuvor hatte ich so viele (ernsthafte) Pannen & Defekte. Aber durch Kameradschaft und Erfahrung ließen sich all diese Probleme lösen. Und das macht das Erlebte im Rückblick umso größer – nach all den Schwierigkeiten am Ende als Sieger dazustehen!

Eine Superrandonnée ermöglicht es einem ein landschaftliches Gebiet sehr intensiv zu erfahren. Durch die niedrige Geschwindigkeit hat man genügend Zeit die Landschaft in allen Zügen zu genießen. Und die SR Prealpina ist landschaftlich der absolute Traum – ich denke das kommt auf den Bildern sehr gut rüber und muss nicht weiter mit Worten beschrieben werden.

Materialtechnisch hab ich wieder einiges gelernt. Das mit den zwei Ersatzschläuchen + CO2 Kartuschen + Flicken + Mantelflicken hat sich als notwendig erwiesen. Zukünftig werde ich bei Abenteuern dieses Ausmaßes sowohl für vorne und hinten eine Backup-Beleuchtung mit mir führen. Egal wie hochwertig ein Produkt auch ist, es gibt immer wieder Ausnahmen, wo auch diese versagen.

Ich hoffe, dass auch Tobias „der Glücksritter“ durch meine Pannenserie die Erleuchtung erlangt hat, dass es sehr riskant ist nur mit 1 Licht vorne, 1 Licht hinten, 1 Schlauch und ohne Regenjacke in den Alpen 600 KM radfahren zu gehen  ツ

Danke Tobias & Marco für dieses unvergessliche „Männerwochenende“ – es war mir eine große Freude mit Euch ツ

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Links

Die Strecke mit allen Kontrollpunkten:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=odfpgmcdcgwqdmag

Flickr Fotoalbum mit vielen weiteren Bildern:
https://flic.kr/s/aHskDbxykd

Aktivitäten auf Strava:
Tilo: https://www.strava.com/activities/622010593
Tobias: https://www.strava.com/activities/621914877
Marco: https://www.strava.com/activities/621497944

Offizielle Seite des Veranstalters:
https://sites.google.com/site/ciclofachiro2/home/super-randonnee-prealpina

Facebook Seite des Veranstalters:
https://www.facebook.com/SUPER-RANDONNEE-PREALPINA-1475170459387639

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Verfasst von: dawncycling | 9. Juni 2016

Everesting Safari

Hier mein Bericht über die Bewältigung der Everesting Challange in Form eines fiktiven Interviews:

Worum geht es beim Everesting überhaupt?

Beim Everesting geht es darum mit dem Fahrrad einen beliebigen Anstieg so lange hoch- und wieder runterzufahren bis man insgesamt 8848 Höhenmeter bewältigt hat. Dabei gibt es kein Zeitlimit, die Fahrt muss aber an einem Stück zurückgelegt werden (d.h. Schlafpausen sind nicht erlaubt). Ob man sich dazu einen hohen Alpenanstieg oder eine Auffahrt zu einer Brücke auswählt spielt keine Rolle. Je nach Anstieg ändert sich nur die Anzahl der notwenigen Wiederholungen. Und je nachdem wie steil der Anstieg ist variiert die notwendige Distanz bis man die 8848 Höhenmeter erreicht hat.

Erfunden hat das Everesting ein findiger Australier. Alle weiteren Infos gibt es auf der offiziellen Website dazu gehören die Regeln und natürlich die Hall of Fame. Und darum geht es letztendlich – die Aufnahme in die „Höllencrew mit den grauen Streifen auf ihren Trikots“.

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Warum hab ich mir das angetan?

Sehr gute Frage ツ Da ich für einen guten Bergfahrer bergauf etwas zu schwer und bergab etwas zu ängstlich bin bleibt eigentlich als einzige Erklärung mein Leidenschaft für völlig sinnbefreite Aktionen übrig, um zu sehen wie weit die persönlichen Leistungs- bzw. Leidensgrenzen reichen. Frei nach dem Motto „normales Radfahren ist langweilig“. Bereits letztes Jahr hab ich mit dem 12 Stunden Mountainbike Rennen in Kühlsheim ein Experiment jenseits des Tellerrandes der „normalen Langstrecken“ gewagt.

Ein etwas rationalerer (aber auch langweiligerer) Erklärungsversuch ist das so ein Everesting ohne großen Aufwand realisierbar ist. Einfach genügend Essen und Kleidung ins Auto laden und schon kann es losgehen. Keine Anfahrt – Keine Startgebühren – Termin ist frei wählbar.

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Welchen Anstieg hab ich gewählt und warum?

Da beim Everesting die zu erreichende Zeit keine besondere Rolle spielt und ich eh keine Rennfahrer-Ambitionen habe plante ich von Anfang an keine einsame Solofahrt sondern einen kleinen aber feinen Rad-Event wo Freunde & Bekannte aus der Region vorbeischauen können um mich ein paar Runden zu begleiten. Durch diesen Plan war klar, dass der Anstieg möglichst nahe an meinem Wohnort liegen sollte. Und da hat sich einer meiner „Hausberge“ – der Anstieg von Eibensbach auf den Stromberg angeboten. Er führt direkt am Firmengelände des bekannten Gerüstherstellers Layher vorbei und wird von den Rennradlern auch als „Layher-Buckel“ bezeichnet.

Der Anstieg ist mit ~2,5km und 150hm zwar nicht besonders lang und mit ~6,5% im Schnitt auch nicht besonders steil. Er besitzt aber ein paar Vorteile für ein Everesting: die Steigung ist recht gleichmäßig und man muss deshalb nicht zu viel die Gänge wechseln und außerdem ist der untere Wendepunkt ein Kreisverkehr wo man auch bei Verkehr sicher wenden kann.

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Und wie hat sich der Anstieg dann in der Praxis erwiesen?

Dem einzigen echten Nachteil des Anstieges hatte ich im Vorfeld kein Augenmerk geschenkt: der Abfahrt. Sie war im oberen Teil sehr rau / ruppig / wellig / mit Schlaglöchern. Da die Abfahrt der einzige Moment beim Everesting ist, wo man sich erholen kann hat sich das auf Dauer als recht zermürbend rausgestellt. Man musste auf diesem Stück stets recht konzentriert fahren und den Lenker fest in der Hand halten. Wer also ein eigenes Everesting plant sollte den Erholungsfaktor der Abfahrt auch in Betracht ziehen!

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Warum bin ich die Nacht durchgefahren?

Nun ja, bei den in letzter Zeit bewältigten Everestings ist der Trend zu verrückten Aktionen deutlich erkennbar: manche machen schon Double-Everestings, ein anderer hat als Erster ein Everesting auf einem Fixie bewältigt und ein weiterer hat das erste Everesting an einer Auffahrt zu einer Brücke mit hunderten Runden gemacht. Dagegen ist der Abendstart um ~18:00 Uhr mit anschließender Nachtfahrt ja nur eine sehr bescheidene Verrücktheit für einen erfahrenen Randonneur ツ

Außerdem hat man die landschaftlichen Sehenswürdigkeiten schon nach den ersten paar Runden genug betrachtet. Daher war die Nachtfahrt sogar eine willkommene Abwechslung wo der Anstieg total anders als tagsüber wirkte. Und die Strecke war nachts auch so gut wie autofrei und man hatte seine Ruhe. Und einen grandiosen Sonnenaufgang im Himalaya-Gebirge zu erleben ist auch mal was Besonderes ツ

Im Nachhinein betrachtet hatten wir mit dem Zeitfenster ein Riesenglück gehabt, denn es waren die einzigen 17 Stunden wo es an diesem Wochenende am Stück trocken war. Kurz nachdem ich fertig war und das Rad in Auto geladen hatte, hatte schon der Regen eingesetzt!

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Und was denkt / macht man dann die ganze Nacht immer wieder den gleichen Anstieg hochfährt?

Nun es war schon recht monoton. Die einzige Spannung war es unzählige Schnecken bei der Überquerung der Straße zu beobachten. Jede Runde waren sie (wie auch ich) ein Stück weiter. Leider hat aber scheinbar keine der Schnecken jemals den Gipfel bzw. die andere Seite der Straße erreicht, denn meistens kam dann doch mal ein Auto angefahren und beendete den Schnecken-Sprint abrupt.

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Wie hart ist ein Everesting im Vergleich zu einem Brevet?

Ich empfand es als sehr hart – sowohl körperlich als auch mental. Der für mich härteste Punkt war wohl der, dass man nie in einen „Flow-Zustand“ kam, wie ich ihn sonst von den Brevets gewohnt war. Der ständige Wechsel zwischen Auf- und Abfahrt war ein konstanter Dauerstress. Ob das bei einem längeren Anstieg mit weniger Wiederholungen besser ist weiß ich nicht.

Und auch körperlich war ich danach deutlich kaputter als z.B. nach einem 400er Brevet. Auf einer „normalen“ Strecke gibt es immer wieder mal längere Erholungsstücke wo man sich trotz körperlicher Erschöpfung wieder erholen bzw. mit geringem Kraftaufwand durchmogeln kann. So was gibt es bei einem Everesting nicht…

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Wie hat das mit der Unterstützung durch Sherpas funktioniert?

Ich hatte eine Woche vor dem Everesting eine Einladung an meine Strava-Freunde/Bekannte ins Web gestellt. In wie weit das dann aber tatsächlich funktionieren würde und wie viele vorbeischauen würden war mir im Vorfeld nicht klar – es war ein Experiment.

Und was soll ich sagen – es war dann der Hammer! Aber der Reihe nach:

– Meine wertvollste und treueste Unterstützung war meine Randonneurs-Kollegin Karin. Sie hatte zwar erst am Wochenende zuvor mit dem 600er Brevet in Treuchtlingen ihre erste Super-Randonneur Serie mit Erfolg bewältigt, aber getreu dem Motto „einem frisch gebackenem Super-Randonneur ist nichts zu schwör“ war sie vom Anfang bis zum Ende mit mir unterwegs. Bis auf die ersten zwei Runden fuhren wir aber beide unseren eigenen Rhythmus. Es war aber trotzdem sehr motivierend zu wissen, dass man nicht alleine seine Runden dreht. Und auf jeder Ab- und Auffahrt begegnete man sich ja zwangsweise immer wieder. Da sie im Gegensatz zu mir aber ein echtes Bergzieglein ist war der Unterschied zwischen uns gar nicht arg groß. Am Ende hatte sie nur vier Runden weniger als ich auf dem Tacho stehen und hätte nur noch eine starke Stunde benötigt um auch auf dem Gipfel zu stehen. Aber wie ein echter selbstloser & aufopferungsvoller Sherpa so ist, sah sie keine Notwendigkeit für weitere Anstrengungen nachdem ich den Gipfel erklommen hatte. Aber einen sehr starken Himalaya Gipfel hatte auch sie mit über 8.400 Höhenmetern auch bewältigt!

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– Abends schauten meine Family und mein Randonneur-Nachbar Wolfi mit dem Auto vorbei. Man sah sich zwar immer nur kurz oben auf dem Parkplatz, es hat mich aber trotzdem sehr gefreut.

– Zur Geisterstunde nach Mitternacht kamen dann Marco und Rainer mit dem Rad vorbei. Das war echt eine sehr coole Überraschung und hat viel Spaß gemacht. Sie blieben bis zu meinem Halbzeit-Bergfest nach 30 Runden dabei. Die nächtlichen Fachsimpeleien so gegen 2:00 Uhr über Sportlernahrung auf Langstrecken blieb mir nachhaltig in Erinnerung.

– Die nächsten Überraschungsgäste waren dann Marcel und sein Freund Jan die vor ihrem Frühstück erstmal so ~1000 Höhenmeter zum Frühsport machen wollten. Der Knüller dabei ist, dass Marcel mein Chef ist! Wie geil ist das denn? Da kommt der Chef vorbei und leistet Hilfsdienste bei der Bezwingung des Everests! Ich hab schon einen echt geilen Arbeitsplatz mit absolut coolen Chef(s)! Danke ツ

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– Gegen Ende ging es dann Schlag auf Schlag und die lückenlose Unterstützung war jederzeit gegeben. Erst kamen Günter & Martina aus Bönnigheim, dann Uwe aus Weingarten und dann Gerd aus Nussdorf. Die Unterstützung hat mir echt sehr viel geholfen und nach einer sehr zähen Phase beim Sonnenaufgang lief es wieder deutlich besser und meine Rundenzeiten waren auf den letzten 10 Runden besser als in den 20 vorangegangenen.

Als Fazit kann ich jedem der ein Everesting plant nur dazu raten möglichst viele Mitfahrer zu motivieren. Dadurch wird das stupide auf und ab deutlich erträglicher. Ob die Mitfahrer direkt bei einem sind oder ihren eigenen Rhythmus fahren spielt meiner Meinung nach keine allzu große Rolle – alleine die Tatsache dass man nicht alleine auf der Strecke ist, ist sehr motivierend!

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Wie konstant kann man so ein Everesting fahren?

Da Zahlen mehr sagen als Worte hab ich meine aufgezeichneten Daten mal ausgewertet und hübsch gruppiert:

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Man kann deutlich erkennen wie die Nachtfahrt (Runde 35-51) die Rundenzeiten nach unten drückten und wie mich die Sherpas, die am Sonntagmorgen vorbeischauten, wieder motivierten.

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Und wie war die Verpflegung?

Gegenüber normalen Langstrecken-Touren hat man ja beim Everesting ganz andere Bedingungen und Möglichkeiten. Einerseits hat man sein Auto dabei wo man sich Vorräte bunkern kann. Andererseits kommt aber auch nie an einer Einkaufsmöglichkeit vorbei wo man spontan sich was zu essen kaufen könnte. Daher musste alles geplant werden!

Neben der üblichen Sportlernahrung die im Auto bereitstand hatte ich bei einem Pizzadienst Pizzen auf 23:00 Uhr bestellt. Bis dahin waren die ersten 20 Runden bewältigt und die Lieferung im Dunkeln auf den Wanderparkplatz hatte zum Glück auch super funktioniert.

Morgens auf ca. 6:00 Uhr hatte dann Karin noch einen Knüller beigesteuert: von ihrer Mutter selbst gebackener Hefezopf und frischer Kaffee in ausreichender Menge für uns und alle Sherpas. Sehr lecker!

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Was war der witzigste Moment?

Das war definitiv in der letzten Runde als ich zum letzten Mal unten am Kreisel gewendet hatte und plötzlich ein Moped kurz  vor mir einbog und den Layher-Buckel hochtuckerte. Ich hängte mich in einem (kurzen) Anflug von Übermut an sein Hinterrad und donnerte mit ~40km/h auf einem kurzen flachen Stück auf den Anstieg zu. Meine Sherpas müssen bestimmt gedacht haben, dass ich jetzt komplett durchdrehe. Aber sobald der Anstieg etwas steiler wurde, hab ich mich dann wieder im gefühlten Schneckentempo von ihnen ziehen & schieben lassen ツ

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Gab es technische Probleme?

Probleme mit dem Rad oder Platten gab es keine. Das einzige Problemchen waren die Tücken wie moderne GPS Geräte die Höhenmeter messen. Ich bin im Vorfeld den Anstieg schon mit ein paar Wiederholungen gefahren und hab danach die gemessenen Höhenmeter durch die Anzahl der Anstiege geteilt. Dabei kamen ~150 Höhenmeter raus. Das Everesting bin ich dann mit dem Garmin Edge 520 als Tacho (mit Leistungswerten) und einem Garmin Oregon als Backup gefahren. Da die Aufzeichnung für ein Everesting das zentrale Ergebnis ist wollte ich hier kein Risiko eingehen. Als ich zu Hause das Ergebnis des Edges auf Strava hochgeladen hatte zeigte Strava mir nur irgendwas mit 8600 Höhenmetern an. Daher hab ich dann die aufgezeichnete GPX Datei des Oregons verwendet und das Ergebnis war dann mit 9065 Höhenmetern auch fast exakt so wie es mir berechnet hatte (60 x 150m = 9000m).

Ich hab dann noch etwas recherchiert und habe bei einigen anderen Everestings ähnliche Kommentare gefunden, dass sie das Ergebnis eines Edge Gerätes nicht verwenden konnten (z.B. https://www.strava.com/activities/577007208). Daher ist mein Tipp an alle die ein Everesting planen immer mit mindestens zwei Geräten aufzuzeichnen.

Im Höhenprofil der Edge Aufzeichnung erkennt man das Problem auch mit bloßem Auge ganz gut. Es besteht ein erheblicher Drift von links nach rechts und mit jeder Runde wurde der obere Wendepunkt niedriger. Bevor ich hier den Everest erreicht hätte, wäre ich sicherlich im Mariannengraben gelandet ツ

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Hier zum Vergleich das Strava Profil des Oregons:

Profile

Und wo finde ich das Ergebnis zum nachschauen?

Natürlich auf Strava, denn wenn es nicht auf Strava ist, ist es auch nicht wirklich passiert! Jeder er es noch nicht getan hat, ist herzlich willkommen einen Kudo zu hinterlassen:

https://www.strava.com/activities/599061489

EVEREST

Verfasst von: dawncycling | 4. September 2015

Cœur de Randonnée

Bericht zu Paris-Brest-Paris 2015
16.8.-19.8.2015

„Irgendetwas ist hier seltsam“ war mein erster Gedanke, als es mir nicht gelang den Zündschlüssel im Auto mit der rechten Hand umzudrehen und so den Motor zu starten. Es lag nicht an einem defekten Zündschloss sondern daran, dass meine rechte Hand leicht taub war und bei dieser Art von Drehbewegung schlicht und einfach ihren Dienst verweigerte. Aber anstatt in Sorge und Panik zu verfallen stellte sich bei mir gleich wieder dieses Dauergrinsen im Gesicht ein, welches mich schon die letzten drei Tage begleitet hatte. Kannte ich doch den Grund meiner tauben Hände ganz genau: Das intensive Studium des franz. Asphalts in allen seinen Ausprägungen über 1230 Kilometer Länge bei der 18. Austragung von Paris-Brest-Paris. Mit der zusätzlichen Hilfe der linken Hand gelang es mir dann doch noch den Motor zu starten und vom Campingplatz in Versailles aus in den verdienten Familienurlaub nach Südfrankreich zu starten.

PBP (Paris-Brest-Paris) ist das „Herz aller Wanderungen“ (Cœur de Randonnée) welches weltweit alle Langstreckenradler verbindet. Es ist sozusagen das Mekka aller Radsüchtigen, zu dem alle vier Jahre aus allen Herren Ländern gepilgert wird.

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Der Traum von PBP hatte mich, nachdem ich 2007 noch Zuschauer übers Internet war, ab 2008 selbst zu einem Wanderer (Randonneur) gemacht. Nachdem dieser Traum für mich 2011 auf Grund von Sitzproblemen (Abszess) nach rund 700 Kilometern in Carhaix zunächst geplatzt war, stand für mich fest es auch 2015 wieder zu versuchen. Mit dieser Vorgeschichte und den Erfahrungen von 2011 war meine geplante Strategie eher defensiv ausgerichtet. Ich wollte die Prüfung unbedingt bestehen und dabei so viel Spaß wie möglich haben. Ein zeitliches Ziel hatte ich mir deshalb absichtlich nicht gesetzt. Vielmehr wollte ich stets die Kontrolle über mich behalten. Erlebte ich die erste Hälfte 2011 doch eher wie einen großen Wirbel, der mich mitgerissen hatte und in dem ich mehr oder minder ohne Kontrolle umhergewirbelt wurde.

Ein nicht unwichtiger Teil der Prüfung PBP sind auch die letzten Stunden vor dem Start. Es ist ein einmaliges Schauspiel, wenn man an diesem Tag die Fahrer auf dem Campingplatz dabei beobachtet, wie sie mit ihrem Lampenfieber umgehen. Manche stehen schon morgens um 8:00 Uhr in kompletter Radmontour bereit und erhoffen scheinbar mit einem Last-Minute-Training noch was zu verbessern. Viele schrauben und optimieren noch irgendwelche Dinge am Rad. Andere trippeln einfach stundenlang im Kreis umher. Sich von dieser allgegenwärtigen Nervosität sich nicht anstecken zu lassen ist quasi unmöglich.

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Da ich ja defensiv starten wollte, wählte ich nicht den ersten Startblock sondern den dritten. Auch in der Startaufstellung stellte ich mich eher in die hinteren Reihen. Erstes Ziel war es den Abschnitt bis zur ersten Kontrolle bei KM 220 schadfrei zu überstehen. Zu Beginn bilden sich immer Riesengruppen von bis zu 100 Fahrern und ab und zu bekommt man auch einen Sturz mit. Von Mortagne bis Villaines war ich mit meinem Freund Stefan unterwegs und als ich ihn hinter Villaines zurücklies kam auf einmal Tobias Jandt von hinten angeradelt. Obwohl er eine halbe Stunde vor mir gestartet war hatte er auf Grund von zwei „Schlamassel-Missgeschicken“ (Weste verloren & Trinkflaschen an der Kontrolle vergessen) ein paar Zusatzkilometer gesammelt – man hätte meinen können er sei schon die dritte Nacht unterwegs 😉

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An der zweiten Kontrolle in Fougeres gab es dann noch eine kurze Schrecksekunde für mich. Das wichtigste Gepäckstück bei einem Brevet ist das Stempelheft. Dieses hütet man wie einen Schatz und trägt es am besten in einem Brustbeutel immer ganz nahe bei sich. Nun haben die neuen offiziellen PBP Brustbeutel den Nachteil, dass das Material recht unflexibel und rutschig ist. Und so muss mir nach der erste Kontrolle der schwerwiegende Fehler unterlaufen sein, dass ich das Stempelheft unter statt in den Brustbeutel gesteckt habe. Bemerkt hatte ich dies dann erst an der zweiten Kontrolle wo es glücklicherweise immer noch zwischen Unterhemd und Brustbeutel „rumhing“. Nicht auszudenken wenn ich unterwegs verloren hätte. Leider war es seit dem vom Schweiß durchtränkt nur noch ein recht unansehnliches Häuflein Papier. Aber alles war noch erkennbar und ich hab mich an jeder der folgenden Kontrollen dafür bei den Kontrolleuren entschuldigt 😉

Danach war das Bild bis Brest eigentlich recht konstant. Tobias und ich waren ein gut funktionierendes Team mit wechselnden Begleitern. Mal schleppten wir diese nur mit, mal beteiligten sie sich fair an der Arbeit. Schwamm ich 2011 bis Loudeac meist in großen Gruppen mit, so wurde dieses Mal alles selbst erarbeitet. Das gefiel mir sehr gut und ich hatte stets das Gefühl alles unter Kontrolle zu haben.

Das Wetter war diesmal ein echter Traum! Komplett trocken, nahezu windfrei und nicht zu heiß. Ein besseres Radwetter konnte ich mir nicht vorstellen und die Bretagne zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Hohe Wolken gaben einem das Gefühl von Weite und das Dahingleiten auf dem Rad machte mir große Freude. Ich begann richtig tief in das Erlebnis PBP einzutauchen und genoss jeden einzelnen Kilometer.

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Obwohl ich auf dem Hinweg viel mehr als vor vier Jahren vorne im Wind gefahren war und dabei trotzdem noch Reserven übrig hatte, erreichte ich nur 15 Minuten später die Brücke in Brest als letztes Mal (nach 23h 15min).

Auf dem Stück von Brest nach Carhaix verarbeitete ich meine Leidensphase auf diesem Abschnitt vor vier Jahren. Dieses Mal fühlte ich mich immer noch gut und auch der Sitzbereich, den ich auf dem Hinweg alle 200 KM kontrolliert und gepflegt hatte, wies keine größeren Probleme auf. Dieses Mal begann Tobias ab dem Wendepunkt eine leichte Schwächephase zu bekommen. Aber mal einen Abschnitt „gepflegt rumzueiern“ tut auch ganz gut. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht erreichte ich Carhaix, mit dem Wissen hier dieses Mal nicht in den Zug zu steigen, sondern entschlossen weiter nach Paris zu radeln!

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Nachdem ich in den frühen Morgenstunden der ersten Nacht schon etwas mit der Müdigkeit zu kämpfen hatte und diese Müdigkeit zu Beginn der zweiten Nacht schnell zurückkehrte, diskutierte ich mit Tobias die möglichen Schlafoptionen. Da mir zu diesem Zeitpunkt meine Zielzeit immer noch egal war und ich das Erlebnis PBP mit all seinen Facetten aufsaugen wollte, entschied ich mich mit Tobias an der Geheimkontrolle vom Hinweg in Saint-Nicolas den offiziellen Schlafsaal aufzusuchen und dort für ca. zwei Stunden zu schlafen. Für 4€ bekam man dort ein Feldbett mit Leintuch in einer Turnhalle. Was bin ich froh, dass ich dieses einmalige Erlebnis nicht verpasst habe! Leider konnte ich, obwohl ich eigentlich müde war, nicht richtig schlafen da mein Körper immer noch völlig aufgedreht war. Aber sich zwei Stunden hinzulegen, auf dem Handy die sozialen Kontakte pflegen und ein wenig die Augen zu schließen reichten mir um wieder erholt weiterfahren zu können.

Nachts um drei Uhr erlebten wir dann die nächste Schrecksekunde als die Kunststoff-Halterung an Tobias’ Frontbeleuchtung brach (BUMM Luxos). Was für eine Zufall, dass just in diesem Moment der Hausbesitzer, von dem Haus wo wir gerade standen, leicht angeheitert nach Hause kam und eine Rolle Gaffa-Tape besorgen konnte. An der nächsten Kontrolle in Loudeac ließ er die Lampe vom Mechanik-Team etwas sicherer befestigen.

In den frühen Morgenstunden des Dienstages holten uns dann die Niederrheiner Roger Krenz und Stefan Hassel mit einigen Franzosen im Gepäck ein. Wir schlossen uns ihnen an und es machte mir Spaß ein wenig zu plaudern. Mir ging es immer noch prächtig und ich fuhr gerne und viel vorne. Der Leistungsmesser half mir dabei super das Tempo für die Gruppe angenehm zu dosieren. Zu diesem Zeitpunkt fuhren wir bergauf ~180 Watt und ließen es bergab laufen.

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Tobias bekam leider immer mehr Probleme. Da er mit leichten Halsschmerzen starten musste, quälten ihn ständig etwas Husten und die Sorge, dass sich dieser ausbreiten könnte. Nach einem weiteren „Schlamassel-Zwischenfall“ von ihm verloren wir die Niederrheiner und waren wieder zu zweit unterwegs. Da sich bei ihm nun auch noch Probleme an beiden Achillessehnen einstellten und am Berg nur noch 120 Watt drin waren konnte man nun eigentlich nicht mehr von einem flüssigen Vorankommen reden. Da wir schon über 600 Kilometer toll zusammengearbeitet hatten, wäre ich mit ihm den Brevet gerne zu Ende gefahren. Da aber der kräftemässige Unterschied zwischen uns immer grösser wurde und ich auch nicht allzu sehr in den Mittwoch reinfahren wollte, überlegten wir wie es weitergehen könnte. Als dann Michael Felber von hinten mit flottem Tritt angefahren kam, nahm ich die Gelegenheit war und schloss mich ihm an.

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Wenn mir vorher jemand erzählt hätte, dass ich bei KM 950 mit dem Endspurt anfangen würde, hätte ich ihn sicherlich ausgelacht. Was für ein tolles Gefühl wenn man zu diesem Zeitpunkt die Hügel noch mit 250 Watt hochdrückt und an vielen Mitfahren förmlich vorbeifliegt! Alle defensiven Strategien wurden jetzt beerdigt und alle Regler auf volle Fahrt gestellt. Wie verflogen war zunächst jegliche Müdigkeit und wir nahmen den schweren Streckenabschnitt um Mortagne recht flüssig unter die Räder. Natürlich begann man jetzt mit dem Rechnen, wann man wohl das Ziel erreichen könne. Eine Zeit unter 60 Stunden wollte ich nun auf alle Fälle noch erreichen.

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Die Hügel wurden nun zwar weniger, aber dafür kam die heftige Müdigkeit der dritten Nacht. Hinter Dreux mit dem Ziel schon fast vor Augen mussten wir uns für einen kurzen Nap in einen Park legen. Michael war sofort weg, ich konnte natürlich wieder nicht wirklich schlafen, aber schon das Schließen der Augen ist eine große Wohltat, die für eine bessere Weiterfahrt ausreicht.

Es war sehr kalt und ich hatte sowohl meine Weste als auch meine Jacke an. Der Asphalt rund um Dreux gehört gefühlt zum fiesesten Stück von PBP. Alle Kontaktpunkte mit dem Rad wie Hände und Sitzbereich schmerzten zunehmend und das ständige Gerüttel auf dem rauen Grobasphalt zermürbte zusehends.

Ich hatte nun den Wunsch in mir, nachdem wir tagelang nur durch „Ackerzucht und Viehbau“ geradelt waren, endlich etwas durch städtische Gebiete zu radeln. Erstens wäre es dort wärmer und zweitens auch heller. Aber stattdessen fuhren wir von einem Wald in den nächsten. Lediglich die letzten fünf Kilometer waren etwas städtisch. Als ich bis zum Ziel einen Engländer begleitete, der auf einem Fixie fuhr, wurde mir ein weiteres Mal klar, dass es immer noch eine Stufe verrückter geht.

Der Zieleinlauf ins Velodrom war nachts um drei Uhr nach 58:41 Stunden Gesamtzeit rein äußerlich eher still und ohne viele Zuschauer. Innerlich war es für mich ein sehr emotionaler Moment von dem ich lange geträumt hatte!

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Nachbetrachtung 1: Sport
Da ich meinen Tacho (Edge 500) dank externem Akku die ganze Zeit mitlaufen lassen konnte, hatte ich stets ein zeitvertreibendes Zahlenkino vor Augen. Die (nicht ganz ernst gemeinte) Frage, die sich mir während der Fahrt immer wieder stellte, war die, ob Superbrevets überhaupt Sport sind. Mit einem gemessenen Durchschnittspuls von 103 Schlägen könnte man eher an meditative Tiefenentspannung denken. An den Anstiegen gegen Ende kam mein Puls nur noch ganz selten in den dreistelligen Bereich.

Technisches Detail: Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, dass man einen Edge 500 während der Fahrt nicht laden kann, habe ich nach etwas Internetrecherche eine funktionierenden Lösung gefunden die ohne zu löten ganz einfach funktioniert. Man benötigt dazu lediglich ein speziell belegtes OTG USB Kabel und einen USB Adapter von männlich auf männlich. Damit kann man dann den Edge mit jeder beliebigen USB Stromquelle (Powerbank) während des Fahrens laden.

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Nachbetrachtung 2: Lichtseuche
Die technische Entwicklung der Fahrradbeleuchtung ist wirklich ein Segen für alle Nachtradler. Noch nie hat man so viel gesehen und war so sicher unterwegs. Aber was für ein Fluch diese „Lumenflut“ für den Gegenverkehr darstellt hatte ich in der zweiten Nacht erlebt, als mir der große 90h Block entgegenkam. Nur noch selten hab ich meinen eigenen Lichtkegel erkannt und bin die Abfahrten die meist keinerlei Markierungen bzw. reflektierenden Markierungen hatten quasi im Blindflug runtergeflogen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die Streckenabschnitte, wo Hin- und Rückweg unterschiedlich verlaufen, so schätzen würde.

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Nachbetrachtung 3: Sitzprobleme
Da ich eine vielseitige Leidensgeschichte mit Sitzproblemen auf der Langstrecke hinter mir habe, möchte ich hierzu auch eine kleine Nachbetrachtung schreiben. Hatte ich letztes Jahr noch geglaubt mit dem Linola Schutzbalsam die ultimative Sitzcreme gefunden zu haben, so hatte sich diese beim letzten Vorbereitunsbrevet vor PBP als reines Gift für meine Haut erwiesen. Mein Körper muss eine heftige Allergie gegen einen der Inhaltsstoffe im letzten Jahr entwickelt haben.
Dank einem Tipp von Frank M. aus der Schweiz wurde ich auf die Eucerin Aquaphor Repair Salbe aufmerksam. Sie sieht aus wie reine Vaseline und soll aber die Hautporen nicht verschließen und so die Haut weiterhin atmen lassen. Ich hatte diese Salbe ca. alle 200 KM nachgecremt und bin damit ohne ernsthafte Sitzprobleme durchgekommen. Natürlich hat man auf dem letzten Drittel zunehmend Probleme mit Druckschmerzen vom vielen Sattelsitzen. Aber das geht wohl (fast) jedem Fahrer so und gehört einfach dazu. Ein großer Dank geht an Frank, der mir mit diesem Tipp sprichwörtlich „den Arsch gerettet hat“!

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Fazit: Ich freue mich total darüber, dass ich das Erlebnis PBP so gut genießen konnte und so viel Spaß dabei empfunden habe. Mein 1230 Kilometer anhaltendes Dauergrinsen kommt ja auf den Fotos ganz gut rüber. Es war eine gute Entscheidung gewesen ohne persönliche Zeitvorgabe und Druck zu starten und die Dinge einfach fließen zu lassen. Ich bin viel mit alten und neuen Freunden unterwegs gewesen. Die Randonneure sind wie eine große Familie und das Fahren mit anderen knüpft neue Verbindungen durch das gemeinsam Erlebte. Bis auf ein paar Taubheitsdefizite an den Kontaktpunkten zum Rad (Hände etc.) ging es mir körperlich prima. Und inzwischen gelingt es mir auch schon wieder den Zündschlüssel im Auto einhändig umzudrehen 😉

Links:

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Verfasst von: dawncycling | 2. Juni 2015

400 Diables Rouges

Bericht zum 400er “Schwarzwald+” Brevet von Audax Suisse
am 30. & 31. Mai 2015

Würden alle meine Brevets so reibungslos wie meine ersten drei Brevets dieses Jahres ablaufen, so würde ich wahrscheinlich keine Brevet-Berichte mehr schreiben. Was soll man da denn auch noch groß schreiben? Man spult mit seiner gesammelten Erfahrung die Kilometer ab und erreicht routiniert das Ziel. In meiner achten Brevetsaison lief soweit auch alles nach Plan. 200, 300 und 600 Kilometer bewältigte ich flott und routiniert. Den 600er beim Karl sogar erstmalig unter 24 Stunden. Doch (zum Glück) wurde ich bei meinem vierten Brevet dieses Jahres von dieser Wolke aus Routine und Perfektion wieder auf den Boden der Langstrecken-Realität zurückgeholt. Jeder einzelne Brevet ist ein Abenteuer und eine neue Herausforderung. Mal klappt einfach alles, ein anderes Mal geht aber auch alles schief, mal will der Kopf einfach nicht usw.

Aber nun der Reihe nach im gewohnten Erzählstil 😉

Zusammen mit Tobias hatte ich mich zum 400er Brevet beim nagelneuen Brevet-Startort der Schweizer „roten Teufel“ aka Diables Rouges (http://www.audax-suisse.ch) angemeldet. Trotz dem Start in der Schweiz sollte die Strecke sonst komplett durch Deutschland führen. Etwas Bodensee, ein Stück das obere Donautal entlang und dann noch ein wenig in den Schwarzwald eintauchen versprach ein abwechslungsreiches Programm. Eine gewisse Unbekannte war der angekündigte Anteil auf unbefestigten Schotterwegen – aber die Neugier hat überwogen.

Da wir nach dem Brevet noch mit dem Rad nach Hause radeln wollten sind wir mit dem Zug angereist. Beladen mit etwas zusätzlichem Gepäck um auf der Rückfahrt mit dem Schlafsack noch ein wenig Radcamping-Abenteuer genießen zu können. Das Starterfeld war mit 20 Teilnehmern sehr übersichtlich – aber so ein neuer Startort muss erst noch wachsen. Und die Schweiz scheint brevetmässig auch eher ein Diaspora Gebiet zu sein.

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Beim Lesen der superschicken Website des Veranstalters bezüglich der technischen Abnahme hatten Tobias und ich teilweise Angst ob wir überhaupt starten dürfen. Das die Schweizer Ordnung, Regeln und Gesetze lieben ist eventuell nur ein Vorurteil, aber diese technische Abnahme schien dieses Vorurteil eindeutig zu bestätigen.

Als wir dann um 20:05 Uhr losgefahren sind und vorher keiner mein Rad bzw. meine Reifen anschauen wollte war ich irgendwie ein wenig enttäuscht. Ich überlegte schon kurz ob ich ein Teil meines Startgeldes zurückverlangen sollte, da mir dieser „integrale Bestandteil“ des Brevets verwehrt blieb 😉

Spaß beiseite, Thomas der Veranstalter ist ein sehr netter und relaxter Typ der die Dinge eher locker sieht. Es wäre meiner Meinung nach passender statt der „angsteinflößenden“ Regeln eher gutgemeinte Empfehlungen für eigenverantwortliche Randonneure zu geben.

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Los ging es mit kräftigem Rückenwind gen Konstanz. Der ortskundige Thomas P lotste uns über die Radwege, dass es einem fast schwindelig wurde. Nach der Fährüberfahrt von Konstanz nach Meersburg ging die rasante Fahrt auf Thomas P’s täglichem Arbeitsweg in ungebremsten Tempo weiter. Er kannte jeden Winkel und jede Kurve – das dranbleiben war nicht immer einfach.

Schon auf dem Weg nach Ravensburg spürte ich, dass in meinem Sitzbereich etwas nicht ganz stimmte. Mein Sitzfleisch fühlte sich etwas gereizt an. Das machte mich etwas nachdenklich, war ich doch auf der Suche nach dem „heiligen Gral“ des optimalen Sattels auch das Risiko eingegangen einen neuen Sattel zu testen. Sitzprobleme sind leider schon seit immer mein wunder Punkt beim Langstreckenradeln gewesen. Und nun nach noch nicht mal einem Viertel der Strecke aufkommende Sitzprobleme verhießen nichts Gutes. Der Sattel war aber (noch) nicht das spürbare Problem. Vielmehr wirkte es so als ob meine Haut meine geschätzte Linola Sitzcreme nicht mehr vertragen würde. Entweder hat mein Körper eine Unverträglichkeit dagegen entwickelt, oder der Inhalt der Tube vom letzten Jahr war nicht mehr gut gewesen. Ich versuchte den Gedanken daran, mit einem geröteten und gereizten Pavian-Hinterteil noch weitere 300km fahren zu müssen so weit wie möglich von mir fernzuhalten. Unsere Fünfergruppe lief nach anfänglicher Hektik immer besser und der Abend war mild und angenehm.

Nach den ersten Hügeln hinter Ravensburg, die mit kräftigem Druck genommen wurden, war das obere Donautal ein wahrer Sinnes-Flash! Bei Mondschein auf den gut rollenden Straßen durch die kleinen Felsentunnel zu fahren war mein persönliches Highlight der gesamten Strecke. Und auf dem kompletten Stück an der Donau von Inzigkofen bis Beuron sind wir keinem einzigen Auto begegnet!

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Hatte ich bei all den schönen Eindrücken um mich rum meine Sitzprobleme weiter ausblenden können so kamen sie doch immer wieder spürbar zurück. An der Kontroll-Tankstelle in Tuttlingen nahm ich die Gelegenheit wahr auf der Toilette mal nachzusehen was genau eigentlich schief läuft. Wie vermutet war meine Haut im Sitzbereich stark gereizt. Das einzige was ich machen konnte war, eine weitere Ladung von der Creme aufzutragen, die mir die Probleme mutmaßlich eingebrockt hat.

Nach Tuttlingen wurde es hell und wir näherten uns dem Schwarzwald. Auf einem langen Schotterabschnitt, der alten Vöhrenbacher Straße, lief es eigentlich noch ganz gut. Doch danach fing es bei mir an immer zäher zu laufen. Aus dem Hexenloch raus konnte ich den anderen am Berg nicht mehr folgen. Nach einem Liter Cola und einer längeren Pause bei einem Bäcker in Hinterzarten ging es dann wieder halbwegs.

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Im welligen Anstieg hinter Neustadt trennte sich unsere Fünfergruppe dann. Die zwei starken Fahrer Marco und Thomas fuhren normal weiter. Und wir anderen drei (Frank, Tobias und ich) nahmen etwas Tempo raus.

Auf den letzten hundert Kilometern durchs Hegau wurde dieser „kleine“ Brevet dann noch zu einer echten Prüfung für mich. Eine Sitzposition die nicht schmerzte war auf dem Sattel schon eine Weile nicht mehr zu finden. Wenn es dann noch über Schotterpassagen ging war nur noch im Stehen fahren möglich. In Blumberg, welches wir über eine >20% steile Straße erreichten, hielt ich an einer Apotheke an um mir schon mal eine Wundsalbe mitzunehmen. Und auch kräftemässig kam ich nicht mehr zurück und musste echt beißen um diese Prüfung noch zu bewältigen.

Unsere Dreiergruppe war sehr nett und unterhaltsam und so blieb, trotz aller körperlichen Probleme, zu mindestens die Stimmung stets im Spaßbereich 😉

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Die Streckenwahl war insgesamt sehr gut gelungen. Viele gut ausgesuchte kleine Strassen und Radwege. Der Schotteranteil bewegte sich in einem sehr kleinen Bereich und brachte etwas Abwechslung ins monotone Treten.

Auf Grund meines wunden Hinterteils musste die geplante Rückfahrt per Rad leider in eine weitere Zugfahrt umgewandelt werden. Da Tobias und ich aber schon die Camping Ausrüstung im Gepäck hatten liesen wir uns nicht nehmen den Brevet mit einer Outdoor Übernachtung auf dem Aussichtspunkt Rosenegg ausklingen zu lassen. Das Dosenbier mit Bodenseeblick und dann boofen unter freiem Himmel war der kröndende Abschluss eines erlebnisreichen Brevets!

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Fazit:

Dieser Brevet war für mich eine kleine Lektion in Sachen Demut und Bescheidenheit. Warum die Linola Creme bei mir auf einmal solch krasse Beschwerden verursacht hat gilt es noch herrauszufinden (Siehe Nachtrag vom 18.06.2015 am Ende des Berichts!). Trotz meiner Beschwerden war der Brevet aber ein klasse Erlebnis mit vielen unvergesslichen Eindrücken. Es lebe das Abenteuer auf der Langstrecke – nichts ist planbar – der Weg ist das Ziel!

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Nachtrag vom 18.06.2015

Bei der Suche nach dem Ursache meiner Sitzbeschwerden hatte ich direkten E-Mail Kontakt mit Linola. Ein Dermatologe riet mir dazu die Verträglichkeit in einer Ellenbogenkehle zu testen. Die andere Ellenbogenkehle blieb dabei zum Vergleich ohne Creme. So hab ich an einem Tag drei Mal meine Sitzcreme aufgetragen. Das Ergebnis war sehr krass und eindeutig: ich hab im letzten Jahr eine deutliche Allergie gegen den Linola Schutzbalsam entwickelt! Ich werde versuchen über einen Hautarzt herrauszufinden welches die schuldige Einzelsubstanz ist – das wird aber noch eine Weile dauern.

LinolaFail

 

Nachtrag vom 17.09.2015

Ich habe nun einen Kontakt-Allergietest in der Hautklinik Heilbronn durchgeführt um rauszufinden, warum ich solche Probleme mit dem Linola Schutzbalsam hatte. Dabei hat man herausgefunden, dass der Auslöser der Stoff Benzylalkohol sein muss, der in der Linola als Konservierungsstoff / Lösungsmittel verwendet wird.

Ich muss dabei ein wahrer „Glückspilz“ sein, denn die Allergie ist äusserst selten (0,59 %). Aber wahrscheinlicher ist dieser Konservierungsstoff / dieses Lösungsmittel nicht dafür gedacht, über sehr viele Stunden auf einem sensiblen Stück Haut „einmassiert“ zu werden. Dazu hab ich das gefunden: „Die Mehrzahl der beschriebenen kontaktallergischen Reaktionen wurden durch wiederholte Anwendung insbesondere von Feuchtigkeitscreme mit Benzylalkohol als Inhaltsstoff veursacht“. Quelle

Verfasst von: dawncycling | 28. Oktober 2014

Six Rivers

Dies ist ein Bericht zu einer 686 km Bikepacking-Solo-Radtour vom 24.-26.10.2014 die mich entlang von Saar / Blies / Glan / Rhein / Main / Neckar führte. Der komplette Streckenverlauf ist hier anzuschauen.

Streckenplanung (die graue Theorie)

Die Inspiration zu der Strecke hatte ich im Rennrad-News.de Forum gefunden. Mir gefiel die Idee, von zu Hause aus mir noch unbekanntes Terrain zu erkunden, ziemlich gut. So habe ich mir zunächst im Internet die GPS-Tracks von der Fernstrecke Paris-Stuttgart, dem Saarkanal-Radweg und dem Blies-Glan-Radweg rausgesucht. Dann hab ich diese Tracks dann passend zusammengeschnitten, durch Verbindungsstücke ergänzt und nach eigenen Ideen nach und nach verändert.

Die Integration von (unbekannten) Radwegen in eine langstreckentaugliche Strecke ist immer ein heikler Punkt. Zum einen kommt man auf Radwegen meist nicht so flüssig wie auf der Straße voran und zum anderen kann die Wegbeschaffenheit nicht immer für dünne Rennradreifen geeignet sein. Aus diesem Grund habe ich den Blies-Glan-Radweg vorsichtshalber nur als Orientierung genutzt und die im Tal verlaufenden (Bundes-)straße gewählt.

Für den Rückweg von Bingen nach Hause hab ich mit etwas neuem in Sachen Streckenplanung experimentiert: der Routenplaner von Strava. Das Besondere am Strava Routenplaner ist die Tatsache, dass er auf den hochgeladenen Trainingseinheiten anderer Strava User basiert. Das klingt von der Idee her sehr vielversprechend und weckt die Hoffnung auf eine funktionierende „Auto-Routing“ Funktion für Radfahrer.

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Streckenerfahrung (die Praxis)

Der Rhein-Marne-Kanal ab Brumath und der Saarkanal bis Sarreguemines sind beides alte Treidelwege (Bedeutungen: ein Weg entlang an Flüssen, der dazu dient Schiffe von Hand, oder mit Tieren flussaufwärts zu ziehen). Die Wege sind komplett asphaltiert und waren der pure Radelgenuss. Fast jeden Kilometer passiert man dabei eine kleine Schleuse, was die Fahrt sehr abwechslungsreich werden ließ.

Die Bundesstraße entlang der Blies war dagegen, wegen sehr dichtem Verkehr, eine kleinere Fehlplanung – hier wäre der Radweg sicher die bessere Option gewesen. Der Verkehr ließ dann zum Glück hinter Homburg entlang der Glan deutlich nach und das Tal rollte richtig gut!

Den größten planungstechnischen Fehler hatte ich mir an dem Verbindungsstück von der Glan an den Rhein geleistet. Da es am PC nur „leicht wellig“ aussah, plante ich den kürzesten Weg auf kleinen Nebenstraßen nach Bingen. Wenn mir jemand vorher gesagt hätte, dass das dort eine Weinbaugegend ist und diese scheinbar harmlosen Hügel in Wirklichkeit giftige Weinberge sind, hätte ich diesen Fehler wohl nicht gemacht. Nach der ersten Weinberg-Kostprobe nach Burgsponheim entschied ich mich, da ich körperlich schon recht platt war, zu einer spontanen Streckenänderung nach Bad Kreuznach und dann weiter auf dem Naheradweg an den Rhein. Dabei erlebte ich dann alle bekannten Begleiterscheinungen, welche solch spontanen Streckenänderungen bekanntlicher Weise nach sich ziehen können: orientierungsloses rumirren in Bad Kreuznach, spontane Offroad-Einlagen entlang der Nahe usw. 😉

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Was mir im Nachhinein wie ein Rätsel erscheint ist die Frage wie ich auf die Idee kam, die weitere Routenführung mitten durchs Rhein-Main Gebiet verlaufen zu lassen. Zum einen mag ich schon mit „frischem Kopf“ durch keine Ballungsgebiete radeln, aber mit über 200km in den Beinen (an diesem Tag) war das schon recht „unentspannt“. Zudem war das konzentrierte radeln nach dem Navi weder flott noch spaßig.

Die Erlösung war dann schließlich als ich nach F-Höchst auf den Main Radweg wechselte. Die Frankfurter Skyline bei Nacht mit dem ganzen lustigen Partyvolk auf den Parkbänken am Mainufer war dann ein sehr schönes Erlebnis!

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Die weitere, vom Strava-Routenplaner errechnete, Strecke entlang des Mains bis Miltenberg war sehr flüssig zu fahren. Ich hatte das Gefühl als ob die Route von einem einheimischen Radler hätte stammen können. Der Strava-Routenplaner hat sich hier also sehr bewährt!

Zurück über den Odenwald war ich schon wieder fast in heimischen Gefilden und nach dem Rhein-Main Gebiet war die Einsamkeit und Ruhe in dieser Gegend eine richtige Wohltat. Dabei ließ sich sogar den langen Steigungen und Wellen einiges an Genuss abgewinnen.

Minimal Camping

Als Anhänger des „Self-Supported-Gedankens“ beim Langstreckenradeln nutze ich bei dieser Solo-Tour, bei der ich keinerlei Zeitdruck hatte, die Möglichkeit mal wieder meine minimale Camping Ausrüstung auszuprobieren. Diese besteht aus einem Biwaksack, einer Therm-a-Rest NeoAir Matte und einem leichten Daunen-Schlafsack. Dies wiegt zusammen zusätzliche ~2300 Gramm, was sich bei dieser recht flachen Tour gut verkraften lassen sollte.

Ich gestehe, dass ich diese Art des „Reisens“ noch als großes Abenteuer betrachte und mich bewusst der Herausforderung ausgesetzt habe unterwegs einen geeigneten Schlafplatz zu suchen. Wie bei so vielen Dingen macht auch hier wahrscheinlich die Übung den Meister – bzw. wird man nach einigen Selbstversuchen bestimmt um einiges cooler.

Meine persönlichen Anforderungen an einen geeigneten Schlafplatz sind in priorisierter Reihenfolge: 1. Ruhe bzw. Einsamkeit, 2. Nicht-Sichtbarkeit vom Radweg bzw. Straße, 3. Ein Dach über dem Kopf wenn es nachts regnen kann.

Wenn man nun müde und platt nach Stunden im Sattel nach einem geeigneten Schlafplatz Ausschau hält ist das ganz schön kniffelig.

Was nun bei meiner Tour an Schlafplätzen rauskam ist folgendes:

Für die erste Nacht hab ich mich für einen Schuppen auf der Rückseite eines leerstehenden Haus am Rhein-Marne Kanal entschieden. Auf dem Bild kommt dieser Schuppen vielleicht etwas „müllig“ rüber, aber es war echt gemütlich dort. Kurz nachdem ich mich hingelegt hatte begann es kräftiger zu nieseln und ich war froh an dem Dach über mir. In dieser Nach sank die Temperatur bis auf geschätzte 4 Grad, was sich mit meiner Ausrüstung aber gut verkraften lies. Hart war es nur morgens aus dem kuscheligen Schlafsack zu kriechen… Brrr…

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Für die zweite Nacht musste ich nach dem „Rhein-Main Inferno“ etwas früher als im Vorfeld geplant einen Schlafplatz suchen. Bei Hanau stoppte ich dann an einer abgelegen Mainbrücke. Der Brückenpfeiler bot zum einen Blickschutz hin zum Radweg und die Brücke diente als Dach. Direkt auf der anderen Mainseite bot das Kraftwerk Hanau eine ganz besondere „Industrieromantik“. Diese Nacht war etwas milder aber wieder hatte es ein wenig geregnet.

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Diese Art des „Rad-Campings“ hat schon seinen ganz eigenen rustikalen Charme und ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Mir gefällt dieses unabhängige Freiheitsgefühl was man dabei empfindet.

Bier (Mythen & Wahrheiten)

Bei den alten Hasen unter den Langstreckenradlern ist gang und gäbe unterwegs beim Radeln das eine oder andere Bier zu trinken. Und ich meine jetzt nicht die alkoholfreie „Light“ Variante sondern das „echte“ Bier. Jung-Randonneure reagieren darauf meist sehr irritiert mit Sätzen wie „wenn ich jetzt ein Bier trinken würde, könnte ich nicht mehr weiterfahren und würde sofort einschlafen“. Wer hat nun Recht, die Alten oder die Jungen?

Es war im Vorfeld keineswegs so geplant und ergab sich eher recht spontan, als ich noch ganz zu Anfang meiner Tour, an der Hausbrauerei Vogel in Ettlingen vorbeiradelte. Das leckere Bier dort kannte ich noch aus meiner Jugendzeit und war wie magisch angezogen dort eine Verpflegungspause einzulegen und natürlich erstmal ein Bier zu trinken. Am zweiten und dritten Tag entwickelte sich die Sache dann zu einem „schonungslosen Selbstversuch“ unterwegs mal nicht nur Süßgetränke (Cola, Fanta, etc.), sondern bei jeder Gelegenheit ein Bier zu trinken. Man darf jetzt nicht denken, dass ich da angetrunken über die Straßen getorkelt wäre. Bei so einer intensiven körperlichen Leistung „verflüchtigt“ sich so ein Bier wieder recht schnell und ich war stets völlig klar im Kopf. So alle 50km eine Halbe verträgt man ohne unangenehme Begleiterscheinungen ganz gut 😉

Und ich muss als Fazit dieses Selbstversuches den alten Hasen völlig Recht geben! Bier hat mich nie müde oder schlapp gemacht sondern eher das Gegenteil bewirkt: Meist lief danach der „Motor“ wieder wie geschmiert. Der Alkohol lies zudem keine sorgenvollen Gedanken aufkommen und hellte jedes Mal meine Stimmung deutlich auf 😀

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Als einzigen negativen Punkt lasse ich eventuell gelten, dass man mit Zuckergetränken etwas schneller unterwegs ist. Das liegt zum einen am höheren Energiegehalt und zum anderen an der geringeren Anzahl an Pinkelpausen. Aber Geschwindigkeit ist nicht immer das wichtigste beim radeln 😉

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Daten der Tour

Start Fr. ~16:40 – Ende So. ~16:40
Schlafpause Fr./Sa. 7:30 Std.
Schlafpause Sa./So. 8:20 Std.

Brutto Gesamt 49:00 Std. (incl. eine Stunde Zeitumstellung)
Netto Gesamt 28:27 Std.

Fr. 24.10.14: 7:12 Std. (Netto), 7:50 Std. (Brutto), ↔ 176,86 km, ↑ 890 m
Sa. 25.10.14: 13:43 Std. (Netto), 16:00 Std. (Brutto), ↔ 320,62 km, ↑ 1.800 m
So. 26.10.14: 7:32 Std. (Netto), 10:20 Std. (Brutto), ↔ 189,18 km, ↑ 1.050 m

Track:
GPSies - Six Rivers

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Verfasst von: dawncycling | 24. Juli 2014

Alpen Safari

Bericht zum “GIANTS TOUR BREVET”
vom 19. – 21. Juli 2014

„Irgendwie bin ich völlig durch den Wind“ sagte ich zu Thomas beim Frühstück um 5:00 Uhr morgens im Hotel Agorà in Biella. Thomas hatte sich bereits die vierte Ladung vom reichhaltigen Buffet geholt und ich hatte noch mit meiner ersten Portion zu kämpfen. Mein „Lampenfieber“ vor der bevorstehen Herausforderung, einer doppelten Alpenüberquerung über 945 Kilometer, die wir Non-Stopp zurücklegen wollten, war unbeschreiblich. Der Event nannte sich GIANTS TOUR BREVET und wurde von Vallelvobike A.s.d. veranstaltet.

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In der zurückliegenden Nacht hatte ich schon fast kein Auge zugetan und lag gefühlt die ganze Nacht in meinem Bett wach. Diese nervösen Charakterzüge hatte ich schon immer vor solch großen Herausforderungen. Da ich in den letzten Jahren aber selbst vor den „normalen“ 600er Brevets keine Aufregung mehr verspürte und gut schlafen konnte, war ich trotz allem irgendwie beruhigt: Es war endlich wieder „Safari-Zeit“! Das heißt es galt für mich Neuland zu erobern und die persönlichen Grenzen neu zu definieren. Wieder mal war ich hungrig auf Erlebnisse und Eindrücke, die sich wie eine Granitfräse in meine Gehirnrinde eingraben und dort für immer bleiben werden!

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Thomas und ich waren die einzigen Deutschen, die nach Biella angereist waren. Am Tag zuvor fand die Anmeldung und das Briefing statt. Die Randonneurs-Szene in Italien ist ganz anders als die in Deutschland. Es ist nicht so locker bzw. heiter, sondern alles ist sehr ernsthaft und sportlich ausgerichtet. Aber die Organisation war absolut top und alle waren sehr freundlich und hilfsbereit! Es gab zwei Verpflegungsstationen mit „Bagdrop-Service“. D.h. man konnte zwei Taschen mit Klamotten, Ersatzteilen und Nahrung packen, die zu den Stationen bei KM 340 und KM 655 transportiert wurden.

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Um 6:00 Uhr ging es dann, von Motorrädern eskortiert, aus Biella hinaus. Die ersten 95 Kilometer gingen wie erwartet in einer großen Gruppe relativ zügig vorbei. Wobei das Tempo im Flachland (für gewohnte Verhältnisse) mit einem 29er Schnitt eher moderat war. An der ersten Kontrolle hetzte die große Gruppe direkt weiter. Da unsere Trinkflaschen leer waren, ließen wir uns von dieser Hektik nicht verleiten und füllten diese erst wieder auf, bevor wir dann zu zweit durchs Susa Tal auf den ersten Anstieg zuradelten.

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Ab dem Anstieg zum Mont Cenis fuhren Thomas und ich jeder sein eigenes Tempo und ich kletterte etwas zügiger als er vorneweg. Im Anstieg überholte ich dann fast alle der großen Gruppe wieder, die zuvor so hektisch weitergeradelt waren. Der Pass war von vielen Motorrädern frequentiert und zog sich über mehrere Stufen ziemlich in die Länge.

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Nach einer kurzen Abfahrt ging es dann bereits zum höchsten Punkt unserer Strecke, dem Col d’ISERAN. Am Fuße des eigentlichen Anstiegs in Bonneval-sur-Arc bestellte ich mir eine Pizza, um für die nächsten Pässe gewappnet zu sein.

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Der Col d’ISERAN war der mit Abstand atemberaubendste Pass der ganzen Strecke! Die karge Landschaft flashte mich dann dermaßen, dass mir mehrere Male Freudentränen in die Augen schossen und ich richtig ergriffen war.

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In der Auffahrt zum nächsten Pass, dem Cormet de Roselend, war ich lange Zeit alleine unterwegs und freute mich an den im unteren Teil sehr schön bewaldeten Anstieg.

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Vor dem letzten Pass des ersten Streckenteiles, dem Col des SAISIES, waren sowohl meine Trinkflaschen leer als auch meine sämtlichen Essensvorräte aufgebraucht. Einen Viehbrunnen für Wasser hab ich dann zwar noch gefunden, aber mit dem Essen sah es in dieser einsamen Gegend eher düster aus. Da es bis zur ersten Verpflegung eigentlich nicht mehr weit war, beschloss ich es einfach „leer“ zu versuchen. Der Pass war ein nicht allzu schöner „Skiort-Hügel“. Oben war ich dann auch wirklich „leer“ und energielos und begann wegen dem Energiemangel schon zu frieren. Selbst in der Abfahrt hatte ich dann Probleme und als in meinem MP3-Player dann plötzlich noch Heino zu singen anfing, hatte ich meinen ersten ernsthaften Tiefpunkt erreicht. Neben dem Beschluss meinen MP3 Player bei nächster Gelegenheit mal zu entrümpeln, fand ich auch ein Restaurant wo ich mir dann eine Cola bestellte. Unglaublich wie viel Energie in einer einzigen Cola steckt. Wie ausgetauscht stürmte ich dann auf die Verpflegungsstation in St. Gervais zu.

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In der Gîte d’étape nahm ich meine Tasche in Empfang und es gab Nudelsalat. Nachdem ich frisch geduscht war und neue Klamotten anhatte kam Thomas zur Tür herein. Er wollte hier nach dem Essen eine Stunde schlafen. Da ich voller Tatendrang war und die Nacht angenehm warm war, wollte ich aber gleich weiterradeln. Wahrscheinlich war diese Entscheidung, wie sich bald rausstellen sollte, aber ein Fehler gewesen.

Vor dem längeren Flachstück zum Genfer See warteten in der Summe auch noch 1600 Höhenmeter verteilt über zwei kleinere Pässe auf mich. Schon kurz nachdem ich weitergeradelt war, macht sich eine starke Müdigkeit bei mir breit. Da auch die Konzentration nachließ, beschloss ich mich für eine halbe Stunde in ein Bahnhof-Wartehäuschen hinzulegen. Irgendwie wurde es mit der Müdigkeit aber nicht besser und auch eine weitere kurze Nap-Pause half nicht wirklich.

Bei KM 410 in Martigny begann es zu dämmern und ich rollte flach auf den Genfer See zu. Wenn ich unter Schlafmangel leide, hab ich das seltsame Gefühl als ob Körper und Geist bei mir keine Einheit mehr sind. Ich hatte das Gefühl mich selbst aus der Vogelperspektive zu beobachten und diesem stoisch vor sich hintretenden Körper Anweisungen zu geben.

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In Montreux war ich wieder unter 500 Metern Seehöhe angelangt und die erste Alpenüberquerung war somit also geschafft. In Montreux wurden in den frühen Morgenstunden die Reste des Jazz-Festivals aufgeräumt.

Das vor mir liegende Stück hatte ich zuvor anhand der Karte als relativ flach eingeschätzt und hoffte hier flott voranzukommen. Wie sich herausstellte war dies wohl eine grobe Fehleinschätzung gewesen. Nach dem harten Anstieg aus Montreux raus ging es dann im ständigen über endlose Dreckshügel auf und ab. Eventuell kam mir das aber auch nur so vor, da ich immer noch im Müdigkeits-Delirium rumeierte, und ein einsetzendes Regengebiet meine Stimmung zusätzlich drückte.

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An der Kontrolle in GRUYÈRES bei KM 497 machte ich erstmal im Cafe der Käserei eine längere Pause. Im Regen radelte ich dann weiter das lange Tal nach SAANEN hoch. Ein doofe Steigung, wo man nicht wirklich das Gefühl hat voran zu kommen. Die folgende Abfahrt war dann zwar auch sehr lang, konnte mich aber nicht mit dem zurückliegenden Streckenabschnitt versöhnen. Immerhin hatte aber der Regen aufgehört und ich legte Schicht für Schicht an Kleidung wieder ab.

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Nach einem sehr leckeren Teller Nudeln und einer Cola am Thunersee vor Interlaken war dann meine Müdigkeit endlich überwunden und so langsam kehrte auch meine gute Laune zurück. Daran konnte auch der „gnadenlose“ Radweg entlang des Sees nichts ändern. Zum einen ging er sehr steil auf und ab und zum anderen ging er teilweise auch Offroad über Wanderwege mit Wurzeln. Aber hey, wenn ich einen schönen Trail vor mir sehe, muss ich diesen auch fahren und habe deshalb natürlich nicht geschoben 😀

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Der lange Anstieg zum Sustenpass machte mir dann erstaunlicherweise sogar wieder richtig Spaß. Mit lockerem Tritt schaffte ich über 500 Höhenmeter pro Stunde bei einem lockeren 110er Puls. Trotzdem war ich dann sehr froh, als ich die Verpflegungs-Station im Alpin Center gegen 21:00 Uhr erreicht hatte.

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Nachdem ich frisch geduscht war und mich gerade auf eine Matratze hingelegt hatte, kam Thomas zur Tür herein. Was eine Freude! Ich schloss mich ihm an und wir bestellten uns im Restaurant noch was Warmes zu Essen und zwei Bier für die gute Nachtruhe. Wir legten uns dann schlafen und wollten um 3:00 Uhr gemeinsam weiterradeln. Ich wurde bereits nach einer Stunde wieder wach und fühlte mich aber schon wieder ziemlich erholt. Um 2:30 weckte ich Thomas, um uns für die Weiterfahrt fertig zu machen.

Da das Alpin Center ca. 300 Höhenmeter unterhalb der Passhöhe liegt, konnten wir uns zum Glück vor der Abfahrt wieder etwas warm fahren. Ich hatte trotzdem so ziemlich alles angezogen, was der mobile Kleiderschrank so hergab. Der Sustenpass war in Wolken gehüllt, aus den es leicht nieselte. Die Abfahrt nach Wassenen war ein Erlebnis was sich definitiv ganz tief in mein Erinnerung festgebrannt hat. Mitten in der Nacht fliegen zwei wagemutige Radler mit ihren LED Lampen durch die Wolken von einem Alpenpass ins Tal. Das war kein Teil eines Sience-Fiction Filmes sondern „pure freaking Reality“ 😉

Vorbei ging es dann an der Einfahrt zum Gotthard-Autobahn-Tunnel hinauf nach Andermatt. Diese Auffahrt in Galerien war wahrscheinlich das steilste Stück der gesamten Strecke, ließ sich aber für mich mit 34-30 immer noch gut fahren. Von Andermatt ging es dann nochmal 600 Höhenmeter zum Oberalppass hinauf. Die Wolken wurden dichter und der Regen nahm zu. Bis wir oben waren, waren wir klatschnass und froren. Deshalb waren wir froh auf der Passhöhe ein Frühstück und was Warmes zu Trinken zu bekommen. Ich schlotterte vor mich hin und war ein verfrorenes Häufchen Elend. Wie schnell sich die Gefühlslage doch wieder ändern kann.

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Mit dem Maximalaufgebot an Kleidungsschichten wagten wir uns dann in die Abfahrt, nachdem der Regen etwas nachgelassen hatte. Aber zum Glück war die Abfahrt weniger schlimm als befürchtet. Nun folgte noch der Lukmanier-Pass der sich recht gut fahren ließ und wo es auch keinen weiteren Regen mehr gab. Hier hatte Thomas etwas Probleme mit Müdigkeit, die sich mit einer Coffein Ampulle aber lösen ließen.

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Die Abfahrt zum Lago Maggiore war endlos lang und machte mir viel Spaß. Es war einfach ein tolles Gefühl alle Berge hinter sich zu wissen 😉

Die Küstenstrasse von Locarno nach Verbania ist eng und sehr verkehrsreich. Ich kannte sie von zurückliegenden Familienurlauben und war darauf vorbereitet, aber Thomas war etwas schockiert. In Verbania gab es nochmal Pizza bzw. Nudeln für uns, um die letzten 80 Kilometer noch gut zu überstehen.

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Mir ging es überraschend gut und ich kurbelte fröhlich vor mich hin. Aber Thomas ging es leider irgendwie immer schlechter. Er hatte zuvor schon über Magenprobleme geklagt, die sich Schritt für Schritt in einen richtigen Infekt verwandelten. Ihn fröstelte es und er konnte nur noch ein moderates Tempo fahren. Also reihte ich mich hinter ihm ein und versuchte ihn so gut es ging zu unterstützten bzw. zu motivieren. Da ich mich bei PBP 2011 selbst in der schmerzlichen Lage befunden hatte einen Freund an meiner Seite zu benötigen, war es für mich kein Thema Thomas mit allen Mitteln zurück nach Biella zu begleiten. Wer das einmal selbst erlebt hat, weiß genau wie wichtig dies in solchen Momenten ist.

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Mit moderatem Tempo und einigen zusätzlichen Pausen eierten wir über das nicht allzu schöne Stück zurück nach Biella. Der kilometerlange Schlussanstieg mit 1% Steigung ging scheinbar nie zu Ende und wir zählten jeden einzelnen Kilometer ab.

In Biella war der „Zieleinlauf“ nach 62 Stunden und 55 Minuten völlig unspektakulär. Thomas hatte inzwischen auch noch Fieber bekommen und ich holte ihn dann auch umgehend mit dem Auto zurück in unser Hotel. Nach einer Nacht in der er dann wie ein Stein geschlafen hatte, ging es ihm am nächsten Tag zum Glück schon wieder halbwegs gut.

Fazit:

Die Alpen-Safari war ein monumentales Erlebnis, welches mir so viele unvergessliche Eindrücke beschert hat, dass ich noch lange davon zehren kann. Die Strecke ist so unglaublich vielseitig und man sieht neben faszinierenden Alpenpässen auch schöne Städte wie Montreux, Interlaken und Locarno. Mein landschaftliches Pässe Ranking sieht wie folgt aus: 1. ISERAN, 2. SUSTEN, 3. LUKMANIER

Das Zeitlimit von 80 Stunden ist für dieses Höhenprofil schon recht eng. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum von über 60 angemeldeten Teilnehmern nur 17 die Strecke im Zeitlimit gefinisht haben. Die anderen sind dann wohl auf die gleichzeitig angebotene 600er Strecke ausgewichen.

Die Organisation war sehr aufwendig und perfekt durchgeführt! Die Aufteilung der Strecke in drei Abschnitten mit Verpflegungs- bzw. Schlafpunkten machte es einfacher, die Strecke für sich einzuteilen. Ein großes Lob an das sehr nette und freundliche Team von Vallevobike!

Distanz: 947 km
Höhenmeter: ~ 15.500 m
Brutto-Fahrzeit: 62:55
Netto-Fahrzeit: 47:20

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GPSies - GIANTS TOUR BREVET 2014

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