Verfasst von: dawncycling | 5. August 2017

Baridür

Bericht zur SUPER RANDONNÉE BARIDÜR
29.7.-30.7.2017

Baridür ist im elsässischen Dialekt der Begriff für eine Bergwanderung (Bari = Berg & Dür = Tour/Wanderung). Sophie Matter, die Erfinderin der Super Randonnées, hat diesen Begriff treffenderweise als Titel für eine von ihr neu erschaffene Super Randonnée in den Vogesen verwendet. Da der Aufwand bezüglich Anreise für mich sehr überschaubar ist und die Strecke extrem reizvoll aussieht, habe ich sie als mein Highlight dieses Jahres unter die Räder genommen. Wer hier nun einen weiteren spannenden „Pleiten, Pech und Pannen“-Bericht wie im letzten Jahr erwartet, den muss ich leider gleich enttäuschen. Ich blieb dieses Mal komplett pannenfrei und hab 3 Ersatzschläuche, 3 CO2 Kartuschen und einen Ersatzmantel unbenutzt über alle Berge spazieren gefahren. Eigentlich lief (fast) alles nach Plan und auch mit dem erreichten Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Also kaum Stoff für einen spannenden Bericht – aber da es eine Super Randonnée war und ich erst der zweite Finisher dieser Strecke war, will ich trotzdem gerne darüber berichten (Super Randonnée werde ich im weiteren Bericht mit SR abkürzen).

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Die hohe Kunst des Bergwanderns (Theorie)

Unterwegs habe ich mir so einige Gedanken darüber gemacht welche Eigenschaft man am meisten benötigt, um so eine epische Herausforderung wie eine SR mit 600 Kilometern und mehr als 10.000 Höhenmetern erfolgreich absolvieren zu können. Man mag meinen, dass man dazu in erster Linie rein körperliche Eigenschaften wie z.B. eine möglichst durchtrainierte (Bein-)Muskulatur benötigt. Sicherlich wird man so eine SR nicht ohne ein sehr hohes Mindestmaß an Radtraining bzw. körperlicher Fitness bewältigen, aber auch die beste mir vorstellbare Muskulatur ist spätestens nach 5000 Höhenmetern platt und erschöpft. Aber das ist bei einer SR gerade mal die Hälfte der Strecke. Ich denke eher, dass der entscheidende Faktor in erster Linie eher die „Softskills“ bzw. der Kopf ist. Der Kopf lässt einen, wenn die Muskulatur (scheinbar) am Ende ist, die eigenen Grenze überwinden und Höhenmeter um Höhenmeter niedermachen. Oder auch nicht – ich habe schon bei anderen Versuchen eine SR zu bezwingen gesehen wie bei sehr gut trainierten Sportlern der Kopf plötzlich einen Strich durch die Rechnung macht und sie die Herausforderung nicht erfolgreich beenden konnten.

Gerade weil eine SR meist alleine in Angriff genommen wird kann man sich nicht auf die mentale Unterstützung von Mitfahrern stützen und muss ein sehr hohes Maß an Selbstmotivation mitbringen. Sind bei normalen Brevets die Mitfahrer oft ein motivierender Faktor um so einige Krisen-Stunde zu überwinden, muss man bei einer SR dies alles ganz alleine schaffen. Sobald man anfängt das Glas als halb leer zu betrachten und sich in negative Gedanken verfängt, kann dies schnell zu einem Selbstläufer werden und der Abbruch ist quasi schon in Sichtweite.

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Meiner Meinung nach benötigt man eine gesunde Mischung aus Demut und Wagemut um eine SR erfolgreich zu bewältigen. Einerseits ausreichend Demut bzw. den nötigen Respekt vor der Strecke und deren möglichen Schwierigkeiten. Man sollte sich in möglichst vielen Belangen optimal vorbereiten und so wenig wie irgendwie möglich dem Zufall überlassen. Eine weitreichende Langstreckenerfahrung ist IMHO zwingend notwendig. Mit z.B. nur einem absolvierten normalen 600er wird es meist sehr schwer. Man muss auch mit müdem Kopf und erschöpften Körper noch kritische Entscheidungen treffen können. Es passieren bei einem Abenteuer dieser Dimension meist ungeplante Dinge, auf die man dann spontan reagieren muss. Andererseits benötigt man eine große Portion Wagemut sich einer SR zu stellen. Man muss alle möglichen Probleme/Gefahren, auf die man sich nicht wirklich vorbereiten kann, ausblenden und ignorieren. Einige potentielle Risiken muss man einfach in Kauf nehmen und sich trotzdem trauen.

Kurzum es ist die innere Haltung eines Wanderers die es einem ermöglicht Berge zu versetzten. Mit der üblichen Haltung eines Radrennfahrers kommt man bei einer SR meist nicht bis ins Ziel. Über 10.000 Höhenmeter kann man nicht einfach „wegdrücken“ sondern muss sie mit stetem Tritt Umdrehung für Umdrehung „erwandern“.

Meine künstlerische Auslegung (Planung)

Mit bereits zwei erfolgreich bewältigten SRs war ich in der Lage auf selbstgemachte Erfahrungen zurückzugreifen und einen taktischen Plan zu schmieden. Da bei meinem Trainingsumfang das reine Finishen einer SR (Zeitlimit 60 Stunden) als alleiniges Ziel nicht ausreicht, spielt für mich die Zeitkomponente eine weitere Rolle. Und die Schallmauer von 40 Stunden hat sich bei einer SR als lockendes Ziel rausgestellt. Also das gleiche Zeitlimit wie es bei einem „normal hügeligen“ 600er Brevet gilt.

Da es hier ja immer um die Bruttozeit, also der Summe aus Fahr- und Pausenzeiten, geht, gibt es zwei Ansätze dies zu erreichen: entweder mit einer möglichst geringen Fahrzeit oder eben mit einer möglichst geringen Pausenzeit. Ich entschied mich ganz im Sinne der obigen Theorie für die zweite Variante. Mein Plan war es das Tempo so locker zu halten, dass ich nicht so erschöpft bin, dass ich eine Erholungspause benötige. Also nach der Trainingslehre der untere GA2 Grundlangenausdauer-Bereich.

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Zusätzlich wollte ich mich komplett selbstversorgt und rein flüssig ernähren. Das spart enorm Zeit, da man nirgendwo was einkaufen muss. Denn gerade Restaurantbesuche sind ein echter Zeitfresser. Meiner Ernährung bestand aus neun Flaschen Fresubin (2kcal/ml) und geschätzten 1,5 Kilos Maltodextrin 19 (langkettiger Zucker). Meine Motivation dazu ist, dass das Essen auf Ultra-Langstrecken alles andere als eine Freude ist. Man verliert oft jeglichen Appetit und das Essen ist vielmehr ein notwendiges Übel als das es eine Freude bereitet. Es ist lediglich eine „Nebenanforderung“ aber nicht der eigentliche Inhalt selbst. Und meine Erfahrung hat gezeigt, dass man mit einer rein flüssigen Ernährung sich diesem Übel komplett entledigen kann. Sicherlich absolut nicht jedermanns Sache / Geschmack, aber wie in allen Künsten sind auch bei einer SR verschiedene Auslegungen erlaubt.

Um diese Menge an Essens-Material nicht komplett mit mir rumschleppen zu müssen habe ich mir (wie schon letztes Jahr) zur Hälfte der Strecke auf der Anreise mit dem Auto ein kleines Depot eingerichtet und dort die Hälfte meiner Nahrung und ein paar Ersatzteile gebunkert.

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Gelebte Kunst (Praxis)

An den ersten Anstiegen habe ich mich bewusst zurückgehalten und immer mit einem Auge auf den Leistungsmesser geschielt, dass keine Werte größer 250 Watt zu sehen waren. Ich kam sehr gut in einen Flow-Zustand rein und war vom Start weg sehr fokussiert. Bei den Kontrollfotos habe ich stets darauf geachtet nicht zu viel Zeit zu verbummeln. Fotos machen und weiter ging es.

Zum Glück sind die ganzen Vogesen voller sprudelnder Brunnen. In vielen Orten auch mehr als nur einem. So war meine Wasserversorgung stets ohne Probleme gewährleistet. Auf vielen Brunnen stand zwar geschrieben „Eau non portable“ (Kein Trinkwasser) aber in der Praxis heißt das lediglich, dass die Wasserqualität nicht kontrolliert wird. Aus langjähriger Erfahrung hatte ich noch von keinem dieser Brunnen ein bemerkbares Problem. Also Griff ich da stets und ohne jegliches Zögern zu. Die rein flüssige Ernährung funktionierte prima. Das einzige Problem an das ich mich erinnere war, dass mir vor dem Depot die Vorräte ausgingen und ich etwas Hunger bekam.

Orte mit Supermärkten gab es an der Strecke nahezu keine. An den touristischeren Stellen gab es zwar einige Restaurants die auf Grund des schönen Wetters aber meist stark gefüllt waren. Die Essensversorgung ist auf dieser Strecke also, für alle die keine Selbstversorger wie ich sind, nicht ganz so einfach wie z.B. bei der SR Prealpina.

Meinen mentalen Fokus konnte ich bis zum Schluss halten und war die ganze Zeit wie in einem Tunnel unterwegs. Wenn es mal nicht so lief und ich negative Gedanken bekam half mir lautes „vor mich hin fluchen“ diese Gedanken umgehend wieder abzubauen. Hoffentlich hat mich da niemand gehört 😱

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Die ~ 4:40 Stunden Standzeit, die ich am Ende dann doch gesammelt hatte, stammten von einer Verpflegungspause an meinem Depot (~30 Minuten), einem kurzen Powernap im Straßengraben als die Müdigkeit zu viel wurde (~20 Minuten) und ansonsten nur von vielen kleinen Stopps wie für Kontrollfotos, Trinkflaschen füllen, Kontakte am Handy pflegen etc. Zum Vergleich: bei meinen bisherigen SRs hatte ich einmal ~10 Stunden (Belchen Satt!) und einmal ~8:20 (Prealpina) Standzeit gehabt. Unterwegs hatte ich dann tatsächlich auch keinen einzigen Cent ausgegeben 😜

Mit einem durchschnittlichen Pulswert von 101 Schlägen/Minute und maximal 134 Schlägen/Minute war ich nachweislich echt locker unterwegs. Am Ende blieb meine Uhr bei 36 Stunden und 40 Minuten Gesamtzeit stehen. Ein Ergebnis mit dem ich sehr zufrieden bin und das beweist, dass meine gewählte Taktik der langsamen Fahrt und der geringen Pausen die richtige war.

Kunst ohne Schmerzen? (Wahrheit)

Damit jetzt keiner denkt, dass dies alles völlig problemfrei bzw. schmerzfrei ablief, muss ich jetzt auch mal die Schattenseiten eines solchen Abenteuers beleuchten. Ein gewisses Maß an Schmerzen / Leiden gehört für mich zu dem Erlebnis Langstrecke seit jeher dazu. Darum erwähne ich das eigentlich nicht extra. Aber ab der Hälfte einer SR beginnt das Leiden so langsam einzusetzen und steigert sich dann kontinuierlich. Eine besondere Anforderung bei einer SR ist das viele Bergabfahren bzw. das Bremsen. Die Handflächen und Unterarme entwickeln sich mit zunehmender Fahrzeit zu echten Problemstellen. Besonders fies empfinde ich den Zustand, wenn sich die verschiedenen Leidensstellen gegenseitig duellieren. Im Wiegetritt schreien die Oberschenkelmuskeln und die Handflächen am Lenker. Im Sitzen stöhnt der schmerzende Hintern und die Achillessehne jubiliert. Ein schwer zu lösendes Leidenspuzzle 😝

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Nach dem ersten Drittel der Strecke hatte ich (mal wieder) so einen blöden Chainsuck wo sich die Kette völlig ungünstig in den Umwerfer verwickelt. Beim kraftvollen Lösen dieses Problems bin ich etwas abgerutscht und hab mir am Kettenblatt einen blutenden Schnitt im Daumen geholt. Diese Wunde sollte sich bis zum Ende nicht schließen und hat im Laufe der Zeit fast meine gesamte Ausrüstung mit roten (Blut-)Punkten verschönert.

Auf dem letzten Drittel der Strecke setzte bei mir noch ein recht unerwartetes und ernsthaftes Problem ein. Die rechte Achillessehne begann auf steileren Passagen zunehmend zu schmerzen. Und dass in einer Stärke, die eine weitere Reduzierung meines Tempos zwingend erfordert hat. Bisher hatte ich Achillessehnen-Probleme eher links und wusste auch keinen Auslöser auszumachen. Zu diesem Zeitpunkt waren noch einige Berge zu bewältigen und die Situation war durchaus kritisch. Eine Ibuprofen Schmerztablette schlug dann aber zum Glück direkt an und ließ ein halbwegs flüssiges fahren wieder zu!

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Die hohe Kunst der schönen Landschaften (Streckenführung)

Nun ein paar Worte zur Strecke von Sophie. Da ich erst der zweite Befahrer dieser Strecke war und vermutlich der Erste bin, der darüber berichtet, dürften diese Infos für alle anderen Liebhaber des Bergwanderns per Rad durchaus von Interessen sein.

Die Strecke ist extrem liebevoll und mit viel Hingabe zusammengestellt. Sie nutzt auf großen Teilen kleinste Nebenstraßen, auf denen es kaum motorisierten Verkehr gab. Stellenweise war es echt total abgefahren und ich fragte mich zum einen, warum die Franzosen ihre Waldwege asphaltieren und zum anderen wie Sophie diese Straßen dann gefunden hat. Letztere Frage hat mir Sophie dann per Mail beantwortet: sie ist in den Vogesen aufgewachsen und hat dort mit dem Radfahren angefangen. Einziger Nachteil dieser kleinsten Nebenstraßen durch den Wald ist, dass ihr Belag manchmal nicht mal mehr dem Begriff Grobasphalt gerecht wurde. Bergab war man darauf fast nicht schneller unterwegs als bergauf. Zu viele Schlaglöcher, loses Geröll, Äste und so weiter…

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Weiterhin hat mich der große Abwechslungsreichtum der Strecke total begeistert. Keine 20 Kilometer waren wie die anderen. Hinter jedem Berg wartete eine neue Überraschung. Spannender als jeder Krimi! Hier ein paar landschaftliche Highlights: die Seenlandschaft auf der Hochebene hinter dem Ballon de Servance, die Route de Cretes, der Radweg am Rhein-Marne-Kanal entlang – Flussradeln auf einer SR – wie geil ist das denn 😉 und die elsässischen Weinberge bei Bergheim.

Die Strecke enthält aber keine echten Rollstücke und ist vom Start bis ins Ziel durch ein ständiges Auf und Ab geprägt. Dabei ist auch viel Kleinvieh – also Hügel, Kuppen, Wellen, Maulwurfhügel etc. Die Steigungen sind auf den ersten zwei Dritteln durchweg human und nicht steil. Ab dem Anstieg von Muhlbach zum Grendelbruch mit Ø 11% Steigung bei ~ KM 400 beginnt es steiler zu werden. Aber alles kein Vergleich zu Belchen Satt! – ans Schieben habe ich nie gedacht.

Die letzten 125 Kilometer sind mit über 3000 Höhenmeter allerdings noch ein echtes Biest vor dem erlösenden Ziel. Doof nur, wenn man bis dahin Probleme an der Achillessehne entwickelt hatte. Der „kleine niedliche“ Petit Ballon von seiner „Nicht-Schokoladenseite“ war für mich mit nicht flachen 800 Höhenmetern absolut kein Zuckerschlecken.

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Letzter Pinselstrich (Fazit)

Die SRs haben mich echt in ihren Bann gezogen. Und beim dritten Versuch habe ich auch eine geeignete Taktik gefunden sie effizient zu bezwingen. Das wird also mit Sicherheit nicht meine letzte SR gewesen sein! Aber ob ich beim nächsten Mal die Taktik komplett wechsle und z.B. mit zwei Hotelübernachtungen das Zeitkontingent komplett ausnutze, wird sich zeigen. Es gibt so viele künstlerische Auslegungen die alle einmal ausprobiert werden sollten 🙃

Links

Die Strecke mit allen Kontrollpunkten:
http://www.gpsies.com/map.do?fileId=pebycofpsvwxbvar

Flickr Fotoalbum mit vielen weiteren Bildern:
https://flic.kr/s/aHsm1ygf29

Aktivität auf Strava:
https://www.strava.com/activities/1109050058

Offizielle Seite des ACP:
http://www.audax-club-parisien.com/EN/424%20-%20Routes%20Super%20Randonn%C3%A9e.html

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