Verfasst von: dawncycling | 4. September 2015

Cœur de Randonnée

Bericht zu Paris-Brest-Paris 2015
16.8.-19.8.2015

„Irgendetwas ist hier seltsam“ war mein erster Gedanke, als es mir nicht gelang den Zündschlüssel im Auto mit der rechten Hand umzudrehen und so den Motor zu starten. Es lag nicht an einem defekten Zündschloss sondern daran, dass meine rechte Hand leicht taub war und bei dieser Art von Drehbewegung schlicht und einfach ihren Dienst verweigerte. Aber anstatt in Sorge und Panik zu verfallen stellte sich bei mir gleich wieder dieses Dauergrinsen im Gesicht ein, welches mich schon die letzten drei Tage begleitet hatte. Kannte ich doch den Grund meiner tauben Hände ganz genau: Das intensive Studium des franz. Asphalts in allen seinen Ausprägungen über 1230 Kilometer Länge bei der 18. Austragung von Paris-Brest-Paris. Mit der zusätzlichen Hilfe der linken Hand gelang es mir dann doch noch den Motor zu starten und vom Campingplatz in Versailles aus in den verdienten Familienurlaub nach Südfrankreich zu starten.

PBP (Paris-Brest-Paris) ist das „Herz aller Wanderungen“ (Cœur de Randonnée) welches weltweit alle Langstreckenradler verbindet. Es ist sozusagen das Mekka aller Radsüchtigen, zu dem alle vier Jahre aus allen Herren Ländern gepilgert wird.

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Der Traum von PBP hatte mich, nachdem ich 2007 noch Zuschauer übers Internet war, ab 2008 selbst zu einem Wanderer (Randonneur) gemacht. Nachdem dieser Traum für mich 2011 auf Grund von Sitzproblemen (Abszess) nach rund 700 Kilometern in Carhaix zunächst geplatzt war, stand für mich fest es auch 2015 wieder zu versuchen. Mit dieser Vorgeschichte und den Erfahrungen von 2011 war meine geplante Strategie eher defensiv ausgerichtet. Ich wollte die Prüfung unbedingt bestehen und dabei so viel Spaß wie möglich haben. Ein zeitliches Ziel hatte ich mir deshalb absichtlich nicht gesetzt. Vielmehr wollte ich stets die Kontrolle über mich behalten. Erlebte ich die erste Hälfte 2011 doch eher wie einen großen Wirbel, der mich mitgerissen hatte und in dem ich mehr oder minder ohne Kontrolle umhergewirbelt wurde.

Ein nicht unwichtiger Teil der Prüfung PBP sind auch die letzten Stunden vor dem Start. Es ist ein einmaliges Schauspiel, wenn man an diesem Tag die Fahrer auf dem Campingplatz dabei beobachtet, wie sie mit ihrem Lampenfieber umgehen. Manche stehen schon morgens um 8:00 Uhr in kompletter Radmontour bereit und erhoffen scheinbar mit einem Last-Minute-Training noch was zu verbessern. Viele schrauben und optimieren noch irgendwelche Dinge am Rad. Andere trippeln einfach stundenlang im Kreis umher. Sich von dieser allgegenwärtigen Nervosität sich nicht anstecken zu lassen ist quasi unmöglich.

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Da ich ja defensiv starten wollte, wählte ich nicht den ersten Startblock sondern den dritten. Auch in der Startaufstellung stellte ich mich eher in die hinteren Reihen. Erstes Ziel war es den Abschnitt bis zur ersten Kontrolle bei KM 220 schadfrei zu überstehen. Zu Beginn bilden sich immer Riesengruppen von bis zu 100 Fahrern und ab und zu bekommt man auch einen Sturz mit. Von Mortagne bis Villaines war ich mit meinem Freund Stefan unterwegs und als ich ihn hinter Villaines zurücklies kam auf einmal Tobias Jandt von hinten angeradelt. Obwohl er eine halbe Stunde vor mir gestartet war hatte er auf Grund von zwei „Schlamassel-Missgeschicken“ (Weste verloren & Trinkflaschen an der Kontrolle vergessen) ein paar Zusatzkilometer gesammelt – man hätte meinen können er sei schon die dritte Nacht unterwegs 😉

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An der zweiten Kontrolle in Fougeres gab es dann noch eine kurze Schrecksekunde für mich. Das wichtigste Gepäckstück bei einem Brevet ist das Stempelheft. Dieses hütet man wie einen Schatz und trägt es am besten in einem Brustbeutel immer ganz nahe bei sich. Nun haben die neuen offiziellen PBP Brustbeutel den Nachteil, dass das Material recht unflexibel und rutschig ist. Und so muss mir nach der erste Kontrolle der schwerwiegende Fehler unterlaufen sein, dass ich das Stempelheft unter statt in den Brustbeutel gesteckt habe. Bemerkt hatte ich dies dann erst an der zweiten Kontrolle wo es glücklicherweise immer noch zwischen Unterhemd und Brustbeutel „rumhing“. Nicht auszudenken wenn ich unterwegs verloren hätte. Leider war es seit dem vom Schweiß durchtränkt nur noch ein recht unansehnliches Häuflein Papier. Aber alles war noch erkennbar und ich hab mich an jeder der folgenden Kontrollen dafür bei den Kontrolleuren entschuldigt 😉

Danach war das Bild bis Brest eigentlich recht konstant. Tobias und ich waren ein gut funktionierendes Team mit wechselnden Begleitern. Mal schleppten wir diese nur mit, mal beteiligten sie sich fair an der Arbeit. Schwamm ich 2011 bis Loudeac meist in großen Gruppen mit, so wurde dieses Mal alles selbst erarbeitet. Das gefiel mir sehr gut und ich hatte stets das Gefühl alles unter Kontrolle zu haben.

Das Wetter war diesmal ein echter Traum! Komplett trocken, nahezu windfrei und nicht zu heiß. Ein besseres Radwetter konnte ich mir nicht vorstellen und die Bretagne zeigte sich von ihrer schönsten Seite. Hohe Wolken gaben einem das Gefühl von Weite und das Dahingleiten auf dem Rad machte mir große Freude. Ich begann richtig tief in das Erlebnis PBP einzutauchen und genoss jeden einzelnen Kilometer.

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Obwohl ich auf dem Hinweg viel mehr als vor vier Jahren vorne im Wind gefahren war und dabei trotzdem noch Reserven übrig hatte, erreichte ich nur 15 Minuten später die Brücke in Brest als letztes Mal (nach 23h 15min).

Auf dem Stück von Brest nach Carhaix verarbeitete ich meine Leidensphase auf diesem Abschnitt vor vier Jahren. Dieses Mal fühlte ich mich immer noch gut und auch der Sitzbereich, den ich auf dem Hinweg alle 200 KM kontrolliert und gepflegt hatte, wies keine größeren Probleme auf. Dieses Mal begann Tobias ab dem Wendepunkt eine leichte Schwächephase zu bekommen. Aber mal einen Abschnitt „gepflegt rumzueiern“ tut auch ganz gut. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht erreichte ich Carhaix, mit dem Wissen hier dieses Mal nicht in den Zug zu steigen, sondern entschlossen weiter nach Paris zu radeln!

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Nachdem ich in den frühen Morgenstunden der ersten Nacht schon etwas mit der Müdigkeit zu kämpfen hatte und diese Müdigkeit zu Beginn der zweiten Nacht schnell zurückkehrte, diskutierte ich mit Tobias die möglichen Schlafoptionen. Da mir zu diesem Zeitpunkt meine Zielzeit immer noch egal war und ich das Erlebnis PBP mit all seinen Facetten aufsaugen wollte, entschied ich mich mit Tobias an der Geheimkontrolle vom Hinweg in Saint-Nicolas den offiziellen Schlafsaal aufzusuchen und dort für ca. zwei Stunden zu schlafen. Für 4€ bekam man dort ein Feldbett mit Leintuch in einer Turnhalle. Was bin ich froh, dass ich dieses einmalige Erlebnis nicht verpasst habe! Leider konnte ich, obwohl ich eigentlich müde war, nicht richtig schlafen da mein Körper immer noch völlig aufgedreht war. Aber sich zwei Stunden hinzulegen, auf dem Handy die sozialen Kontakte pflegen und ein wenig die Augen zu schließen reichten mir um wieder erholt weiterfahren zu können.

Nachts um drei Uhr erlebten wir dann die nächste Schrecksekunde als die Kunststoff-Halterung an Tobias’ Frontbeleuchtung brach (BUMM Luxos). Was für eine Zufall, dass just in diesem Moment der Hausbesitzer, von dem Haus wo wir gerade standen, leicht angeheitert nach Hause kam und eine Rolle Gaffa-Tape besorgen konnte. An der nächsten Kontrolle in Loudeac ließ er die Lampe vom Mechanik-Team etwas sicherer befestigen.

In den frühen Morgenstunden des Dienstages holten uns dann die Niederrheiner Roger Krenz und Stefan Hassel mit einigen Franzosen im Gepäck ein. Wir schlossen uns ihnen an und es machte mir Spaß ein wenig zu plaudern. Mir ging es immer noch prächtig und ich fuhr gerne und viel vorne. Der Leistungsmesser half mir dabei super das Tempo für die Gruppe angenehm zu dosieren. Zu diesem Zeitpunkt fuhren wir bergauf ~180 Watt und ließen es bergab laufen.

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Tobias bekam leider immer mehr Probleme. Da er mit leichten Halsschmerzen starten musste, quälten ihn ständig etwas Husten und die Sorge, dass sich dieser ausbreiten könnte. Nach einem weiteren „Schlamassel-Zwischenfall“ von ihm verloren wir die Niederrheiner und waren wieder zu zweit unterwegs. Da sich bei ihm nun auch noch Probleme an beiden Achillessehnen einstellten und am Berg nur noch 120 Watt drin waren konnte man nun eigentlich nicht mehr von einem flüssigen Vorankommen reden. Da wir schon über 600 Kilometer toll zusammengearbeitet hatten, wäre ich mit ihm den Brevet gerne zu Ende gefahren. Da aber der kräftemässige Unterschied zwischen uns immer grösser wurde und ich auch nicht allzu sehr in den Mittwoch reinfahren wollte, überlegten wir wie es weitergehen könnte. Als dann Michael Felber von hinten mit flottem Tritt angefahren kam, nahm ich die Gelegenheit war und schloss mich ihm an.

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Wenn mir vorher jemand erzählt hätte, dass ich bei KM 950 mit dem Endspurt anfangen würde, hätte ich ihn sicherlich ausgelacht. Was für ein tolles Gefühl wenn man zu diesem Zeitpunkt die Hügel noch mit 250 Watt hochdrückt und an vielen Mitfahren förmlich vorbeifliegt! Alle defensiven Strategien wurden jetzt beerdigt und alle Regler auf volle Fahrt gestellt. Wie verflogen war zunächst jegliche Müdigkeit und wir nahmen den schweren Streckenabschnitt um Mortagne recht flüssig unter die Räder. Natürlich begann man jetzt mit dem Rechnen, wann man wohl das Ziel erreichen könne. Eine Zeit unter 60 Stunden wollte ich nun auf alle Fälle noch erreichen.

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Die Hügel wurden nun zwar weniger, aber dafür kam die heftige Müdigkeit der dritten Nacht. Hinter Dreux mit dem Ziel schon fast vor Augen mussten wir uns für einen kurzen Nap in einen Park legen. Michael war sofort weg, ich konnte natürlich wieder nicht wirklich schlafen, aber schon das Schließen der Augen ist eine große Wohltat, die für eine bessere Weiterfahrt ausreicht.

Es war sehr kalt und ich hatte sowohl meine Weste als auch meine Jacke an. Der Asphalt rund um Dreux gehört gefühlt zum fiesesten Stück von PBP. Alle Kontaktpunkte mit dem Rad wie Hände und Sitzbereich schmerzten zunehmend und das ständige Gerüttel auf dem rauen Grobasphalt zermürbte zusehends.

Ich hatte nun den Wunsch in mir, nachdem wir tagelang nur durch „Ackerzucht und Viehbau“ geradelt waren, endlich etwas durch städtische Gebiete zu radeln. Erstens wäre es dort wärmer und zweitens auch heller. Aber stattdessen fuhren wir von einem Wald in den nächsten. Lediglich die letzten fünf Kilometer waren etwas städtisch. Als ich bis zum Ziel einen Engländer begleitete, der auf einem Fixie fuhr, wurde mir ein weiteres Mal klar, dass es immer noch eine Stufe verrückter geht.

Der Zieleinlauf ins Velodrom war nachts um drei Uhr nach 58:41 Stunden Gesamtzeit rein äußerlich eher still und ohne viele Zuschauer. Innerlich war es für mich ein sehr emotionaler Moment von dem ich lange geträumt hatte!

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Nachbetrachtung 1: Sport
Da ich meinen Tacho (Edge 500) dank externem Akku die ganze Zeit mitlaufen lassen konnte, hatte ich stets ein zeitvertreibendes Zahlenkino vor Augen. Die (nicht ganz ernst gemeinte) Frage, die sich mir während der Fahrt immer wieder stellte, war die, ob Superbrevets überhaupt Sport sind. Mit einem gemessenen Durchschnittspuls von 103 Schlägen könnte man eher an meditative Tiefenentspannung denken. An den Anstiegen gegen Ende kam mein Puls nur noch ganz selten in den dreistelligen Bereich.

Technisches Detail: Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, dass man einen Edge 500 während der Fahrt nicht laden kann, habe ich nach etwas Internetrecherche eine funktionierenden Lösung gefunden die ohne zu löten ganz einfach funktioniert. Man benötigt dazu lediglich ein speziell belegtes OTG USB Kabel und einen USB Adapter von männlich auf männlich. Damit kann man dann den Edge mit jeder beliebigen USB Stromquelle (Powerbank) während des Fahrens laden.

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Nachbetrachtung 2: Lichtseuche
Die technische Entwicklung der Fahrradbeleuchtung ist wirklich ein Segen für alle Nachtradler. Noch nie hat man so viel gesehen und war so sicher unterwegs. Aber was für ein Fluch diese „Lumenflut“ für den Gegenverkehr darstellt hatte ich in der zweiten Nacht erlebt, als mir der große 90h Block entgegenkam. Nur noch selten hab ich meinen eigenen Lichtkegel erkannt und bin die Abfahrten die meist keinerlei Markierungen bzw. reflektierenden Markierungen hatten quasi im Blindflug runtergeflogen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich die Streckenabschnitte, wo Hin- und Rückweg unterschiedlich verlaufen, so schätzen würde.

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Nachbetrachtung 3: Sitzprobleme
Da ich eine vielseitige Leidensgeschichte mit Sitzproblemen auf der Langstrecke hinter mir habe, möchte ich hierzu auch eine kleine Nachbetrachtung schreiben. Hatte ich letztes Jahr noch geglaubt mit dem Linola Schutzbalsam die ultimative Sitzcreme gefunden zu haben, so hatte sich diese beim letzten Vorbereitunsbrevet vor PBP als reines Gift für meine Haut erwiesen. Mein Körper muss eine heftige Allergie gegen einen der Inhaltsstoffe im letzten Jahr entwickelt haben.
Dank einem Tipp von Frank M. aus der Schweiz wurde ich auf die Eucerin Aquaphor Repair Salbe aufmerksam. Sie sieht aus wie reine Vaseline und soll aber die Hautporen nicht verschließen und so die Haut weiterhin atmen lassen. Ich hatte diese Salbe ca. alle 200 KM nachgecremt und bin damit ohne ernsthafte Sitzprobleme durchgekommen. Natürlich hat man auf dem letzten Drittel zunehmend Probleme mit Druckschmerzen vom vielen Sattelsitzen. Aber das geht wohl (fast) jedem Fahrer so und gehört einfach dazu. Ein großer Dank geht an Frank, der mir mit diesem Tipp sprichwörtlich „den Arsch gerettet hat“!

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Fazit: Ich freue mich total darüber, dass ich das Erlebnis PBP so gut genießen konnte und so viel Spaß dabei empfunden habe. Mein 1230 Kilometer anhaltendes Dauergrinsen kommt ja auf den Fotos ganz gut rüber. Es war eine gute Entscheidung gewesen ohne persönliche Zeitvorgabe und Druck zu starten und die Dinge einfach fließen zu lassen. Ich bin viel mit alten und neuen Freunden unterwegs gewesen. Die Randonneure sind wie eine große Familie und das Fahren mit anderen knüpft neue Verbindungen durch das gemeinsam Erlebte. Bis auf ein paar Taubheitsdefizite an den Kontaktpunkten zum Rad (Hände etc.) ging es mir körperlich prima. Und inzwischen gelingt es mir auch schon wieder den Zündschlüssel im Auto einhändig umzudrehen 😉

Links:

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Responses

  1. Tolle Story, tolle Bilder, mit Genuss gelesen … da will man sofort auf’s Rad und fahren, fahren, fahren


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