Verfasst von: dawncycling | 9. Juni 2016

Everesting Safari

Hier mein Bericht über die Bewältigung der Everesting Challange in Form eines fiktiven Interviews:

Worum geht es beim Everesting überhaupt?

Beim Everesting geht es darum mit dem Fahrrad einen beliebigen Anstieg so lange hoch- und wieder runterzufahren bis man insgesamt 8848 Höhenmeter bewältigt hat. Dabei gibt es kein Zeitlimit, die Fahrt muss aber an einem Stück zurückgelegt werden (d.h. Schlafpausen sind nicht erlaubt). Ob man sich dazu einen hohen Alpenanstieg oder eine Auffahrt zu einer Brücke auswählt spielt keine Rolle. Je nach Anstieg ändert sich nur die Anzahl der notwenigen Wiederholungen. Und je nachdem wie steil der Anstieg ist variiert die notwendige Distanz bis man die 8848 Höhenmeter erreicht hat.

Erfunden hat das Everesting ein findiger Australier. Alle weiteren Infos gibt es auf der offiziellen Website dazu gehören die Regeln und natürlich die Hall of Fame. Und darum geht es letztendlich – die Aufnahme in die „Höllencrew mit den grauen Streifen auf ihren Trikots“.

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Warum hab ich mir das angetan?

Sehr gute Frage ツ Da ich für einen guten Bergfahrer bergauf etwas zu schwer und bergab etwas zu ängstlich bin bleibt eigentlich als einzige Erklärung mein Leidenschaft für völlig sinnbefreite Aktionen übrig, um zu sehen wie weit die persönlichen Leistungs- bzw. Leidensgrenzen reichen. Frei nach dem Motto „normales Radfahren ist langweilig“. Bereits letztes Jahr hab ich mit dem 12 Stunden Mountainbike Rennen in Kühlsheim ein Experiment jenseits des Tellerrandes der „normalen Langstrecken“ gewagt.

Ein etwas rationalerer (aber auch langweiligerer) Erklärungsversuch ist das so ein Everesting ohne großen Aufwand realisierbar ist. Einfach genügend Essen und Kleidung ins Auto laden und schon kann es losgehen. Keine Anfahrt – Keine Startgebühren – Termin ist frei wählbar.

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Welchen Anstieg hab ich gewählt und warum?

Da beim Everesting die zu erreichende Zeit keine besondere Rolle spielt und ich eh keine Rennfahrer-Ambitionen habe plante ich von Anfang an keine einsame Solofahrt sondern einen kleinen aber feinen Rad-Event wo Freunde & Bekannte aus der Region vorbeischauen können um mich ein paar Runden zu begleiten. Durch diesen Plan war klar, dass der Anstieg möglichst nahe an meinem Wohnort liegen sollte. Und da hat sich einer meiner „Hausberge“ – der Anstieg von Eibensbach auf den Stromberg angeboten. Er führt direkt am Firmengelände des bekannten Gerüstherstellers Layher vorbei und wird von den Rennradlern auch als „Layher-Buckel“ bezeichnet.

Der Anstieg ist mit ~2,5km und 150hm zwar nicht besonders lang und mit ~6,5% im Schnitt auch nicht besonders steil. Er besitzt aber ein paar Vorteile für ein Everesting: die Steigung ist recht gleichmäßig und man muss deshalb nicht zu viel die Gänge wechseln und außerdem ist der untere Wendepunkt ein Kreisverkehr wo man auch bei Verkehr sicher wenden kann.

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Und wie hat sich der Anstieg dann in der Praxis erwiesen?

Dem einzigen echten Nachteil des Anstieges hatte ich im Vorfeld kein Augenmerk geschenkt: der Abfahrt. Sie war im oberen Teil sehr rau / ruppig / wellig / mit Schlaglöchern. Da die Abfahrt der einzige Moment beim Everesting ist, wo man sich erholen kann hat sich das auf Dauer als recht zermürbend rausgestellt. Man musste auf diesem Stück stets recht konzentriert fahren und den Lenker fest in der Hand halten. Wer also ein eigenes Everesting plant sollte den Erholungsfaktor der Abfahrt auch in Betracht ziehen!

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Warum bin ich die Nacht durchgefahren?

Nun ja, bei den in letzter Zeit bewältigten Everestings ist der Trend zu verrückten Aktionen deutlich erkennbar: manche machen schon Double-Everestings, ein anderer hat als Erster ein Everesting auf einem Fixie bewältigt und ein weiterer hat das erste Everesting an einer Auffahrt zu einer Brücke mit hunderten Runden gemacht. Dagegen ist der Abendstart um ~18:00 Uhr mit anschließender Nachtfahrt ja nur eine sehr bescheidene Verrücktheit für einen erfahrenen Randonneur ツ

Außerdem hat man die landschaftlichen Sehenswürdigkeiten schon nach den ersten paar Runden genug betrachtet. Daher war die Nachtfahrt sogar eine willkommene Abwechslung wo der Anstieg total anders als tagsüber wirkte. Und die Strecke war nachts auch so gut wie autofrei und man hatte seine Ruhe. Und einen grandiosen Sonnenaufgang im Himalaya-Gebirge zu erleben ist auch mal was Besonderes ツ

Im Nachhinein betrachtet hatten wir mit dem Zeitfenster ein Riesenglück gehabt, denn es waren die einzigen 17 Stunden wo es an diesem Wochenende am Stück trocken war. Kurz nachdem ich fertig war und das Rad in Auto geladen hatte, hatte schon der Regen eingesetzt!

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Und was denkt / macht man dann die ganze Nacht immer wieder den gleichen Anstieg hochfährt?

Nun es war schon recht monoton. Die einzige Spannung war es unzählige Schnecken bei der Überquerung der Straße zu beobachten. Jede Runde waren sie (wie auch ich) ein Stück weiter. Leider hat aber scheinbar keine der Schnecken jemals den Gipfel bzw. die andere Seite der Straße erreicht, denn meistens kam dann doch mal ein Auto angefahren und beendete den Schnecken-Sprint abrupt.

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Wie hart ist ein Everesting im Vergleich zu einem Brevet?

Ich empfand es als sehr hart – sowohl körperlich als auch mental. Der für mich härteste Punkt war wohl der, dass man nie in einen „Flow-Zustand“ kam, wie ich ihn sonst von den Brevets gewohnt war. Der ständige Wechsel zwischen Auf- und Abfahrt war ein konstanter Dauerstress. Ob das bei einem längeren Anstieg mit weniger Wiederholungen besser ist weiß ich nicht.

Und auch körperlich war ich danach deutlich kaputter als z.B. nach einem 400er Brevet. Auf einer „normalen“ Strecke gibt es immer wieder mal längere Erholungsstücke wo man sich trotz körperlicher Erschöpfung wieder erholen bzw. mit geringem Kraftaufwand durchmogeln kann. So was gibt es bei einem Everesting nicht…

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Wie hat das mit der Unterstützung durch Sherpas funktioniert?

Ich hatte eine Woche vor dem Everesting eine Einladung an meine Strava-Freunde/Bekannte ins Web gestellt. In wie weit das dann aber tatsächlich funktionieren würde und wie viele vorbeischauen würden war mir im Vorfeld nicht klar – es war ein Experiment.

Und was soll ich sagen – es war dann der Hammer! Aber der Reihe nach:

– Meine wertvollste und treueste Unterstützung war meine Randonneurs-Kollegin Karin. Sie hatte zwar erst am Wochenende zuvor mit dem 600er Brevet in Treuchtlingen ihre erste Super-Randonneur Serie mit Erfolg bewältigt, aber getreu dem Motto „einem frisch gebackenem Super-Randonneur ist nichts zu schwör“ war sie vom Anfang bis zum Ende mit mir unterwegs. Bis auf die ersten zwei Runden fuhren wir aber beide unseren eigenen Rhythmus. Es war aber trotzdem sehr motivierend zu wissen, dass man nicht alleine seine Runden dreht. Und auf jeder Ab- und Auffahrt begegnete man sich ja zwangsweise immer wieder. Da sie im Gegensatz zu mir aber ein echtes Bergzieglein ist war der Unterschied zwischen uns gar nicht arg groß. Am Ende hatte sie nur vier Runden weniger als ich auf dem Tacho stehen und hätte nur noch eine starke Stunde benötigt um auch auf dem Gipfel zu stehen. Aber wie ein echter selbstloser & aufopferungsvoller Sherpa so ist, sah sie keine Notwendigkeit für weitere Anstrengungen nachdem ich den Gipfel erklommen hatte. Aber einen sehr starken Himalaya Gipfel hatte auch sie mit über 8.400 Höhenmetern auch bewältigt!

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– Abends schauten meine Family und mein Randonneur-Nachbar Wolfi mit dem Auto vorbei. Man sah sich zwar immer nur kurz oben auf dem Parkplatz, es hat mich aber trotzdem sehr gefreut.

– Zur Geisterstunde nach Mitternacht kamen dann Marco und Rainer mit dem Rad vorbei. Das war echt eine sehr coole Überraschung und hat viel Spaß gemacht. Sie blieben bis zu meinem Halbzeit-Bergfest nach 30 Runden dabei. Die nächtlichen Fachsimpeleien so gegen 2:00 Uhr über Sportlernahrung auf Langstrecken blieb mir nachhaltig in Erinnerung.

– Die nächsten Überraschungsgäste waren dann Marcel und sein Freund Jan die vor ihrem Frühstück erstmal so ~1000 Höhenmeter zum Frühsport machen wollten. Der Knüller dabei ist, dass Marcel mein Chef ist! Wie geil ist das denn? Da kommt der Chef vorbei und leistet Hilfsdienste bei der Bezwingung des Everests! Ich hab schon einen echt geilen Arbeitsplatz mit absolut coolen Chef(s)! Danke ツ

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– Gegen Ende ging es dann Schlag auf Schlag und die lückenlose Unterstützung war jederzeit gegeben. Erst kamen Günter & Martina aus Bönnigheim, dann Uwe aus Weingarten und dann Gerd aus Nussdorf. Die Unterstützung hat mir echt sehr viel geholfen und nach einer sehr zähen Phase beim Sonnenaufgang lief es wieder deutlich besser und meine Rundenzeiten waren auf den letzten 10 Runden besser als in den 20 vorangegangenen.

Als Fazit kann ich jedem der ein Everesting plant nur dazu raten möglichst viele Mitfahrer zu motivieren. Dadurch wird das stupide auf und ab deutlich erträglicher. Ob die Mitfahrer direkt bei einem sind oder ihren eigenen Rhythmus fahren spielt meiner Meinung nach keine allzu große Rolle – alleine die Tatsache dass man nicht alleine auf der Strecke ist, ist sehr motivierend!

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Wie konstant kann man so ein Everesting fahren?

Da Zahlen mehr sagen als Worte hab ich meine aufgezeichneten Daten mal ausgewertet und hübsch gruppiert:

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Man kann deutlich erkennen wie die Nachtfahrt (Runde 35-51) die Rundenzeiten nach unten drückten und wie mich die Sherpas, die am Sonntagmorgen vorbeischauten, wieder motivierten.

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Und wie war die Verpflegung?

Gegenüber normalen Langstrecken-Touren hat man ja beim Everesting ganz andere Bedingungen und Möglichkeiten. Einerseits hat man sein Auto dabei wo man sich Vorräte bunkern kann. Andererseits kommt aber auch nie an einer Einkaufsmöglichkeit vorbei wo man spontan sich was zu essen kaufen könnte. Daher musste alles geplant werden!

Neben der üblichen Sportlernahrung die im Auto bereitstand hatte ich bei einem Pizzadienst Pizzen auf 23:00 Uhr bestellt. Bis dahin waren die ersten 20 Runden bewältigt und die Lieferung im Dunkeln auf den Wanderparkplatz hatte zum Glück auch super funktioniert.

Morgens auf ca. 6:00 Uhr hatte dann Karin noch einen Knüller beigesteuert: von ihrer Mutter selbst gebackener Hefezopf und frischer Kaffee in ausreichender Menge für uns und alle Sherpas. Sehr lecker!

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Was war der witzigste Moment?

Das war definitiv in der letzten Runde als ich zum letzten Mal unten am Kreisel gewendet hatte und plötzlich ein Moped kurz  vor mir einbog und den Layher-Buckel hochtuckerte. Ich hängte mich in einem (kurzen) Anflug von Übermut an sein Hinterrad und donnerte mit ~40km/h auf einem kurzen flachen Stück auf den Anstieg zu. Meine Sherpas müssen bestimmt gedacht haben, dass ich jetzt komplett durchdrehe. Aber sobald der Anstieg etwas steiler wurde, hab ich mich dann wieder im gefühlten Schneckentempo von ihnen ziehen & schieben lassen ツ

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Gab es technische Probleme?

Probleme mit dem Rad oder Platten gab es keine. Das einzige Problemchen waren die Tücken wie moderne GPS Geräte die Höhenmeter messen. Ich bin im Vorfeld den Anstieg schon mit ein paar Wiederholungen gefahren und hab danach die gemessenen Höhenmeter durch die Anzahl der Anstiege geteilt. Dabei kamen ~150 Höhenmeter raus. Das Everesting bin ich dann mit dem Garmin Edge 520 als Tacho (mit Leistungswerten) und einem Garmin Oregon als Backup gefahren. Da die Aufzeichnung für ein Everesting das zentrale Ergebnis ist wollte ich hier kein Risiko eingehen. Als ich zu Hause das Ergebnis des Edges auf Strava hochgeladen hatte zeigte Strava mir nur irgendwas mit 8600 Höhenmetern an. Daher hab ich dann die aufgezeichnete GPX Datei des Oregons verwendet und das Ergebnis war dann mit 9065 Höhenmetern auch fast exakt so wie es mir berechnet hatte (60 x 150m = 9000m).

Ich hab dann noch etwas recherchiert und habe bei einigen anderen Everestings ähnliche Kommentare gefunden, dass sie das Ergebnis eines Edge Gerätes nicht verwenden konnten (z.B. https://www.strava.com/activities/577007208). Daher ist mein Tipp an alle die ein Everesting planen immer mit mindestens zwei Geräten aufzuzeichnen.

Im Höhenprofil der Edge Aufzeichnung erkennt man das Problem auch mit bloßem Auge ganz gut. Es besteht ein erheblicher Drift von links nach rechts und mit jeder Runde wurde der obere Wendepunkt niedriger. Bevor ich hier den Everest erreicht hätte, wäre ich sicherlich im Mariannengraben gelandet ツ

Drift

Hier zum Vergleich das Strava Profil des Oregons:

Profile

Und wo finde ich das Ergebnis zum nachschauen?

Natürlich auf Strava, denn wenn es nicht auf Strava ist, ist es auch nicht wirklich passiert! Jeder er es noch nicht getan hat, ist herzlich willkommen einen Kudo zu hinterlassen:

https://www.strava.com/activities/599061489

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Responses

  1. Sehr schön geschrieben 🙂 und gute Idee mit dem fiktiven Interview, den Sherpas und dem Pizzataxi … Da kann man richtig von Lernen. Direkt mal twittern 🙂

  2. Und natürlich zu dieser grandiosen Leistung 🙂

  3. Ähm Glückwunsch 😉

  4. Sehr lesenswert, wie immer !
    Um so mehr, wenn man ein kleines Weilchen dabei war. Bei mir fing es übrigends schon auf der Abfahrt an zu regnen.
    Die Hm Abweichung zu verstehen, würde mich interessieren. Das Garmin Höhenprofil dürfte das Resultat von steigendem Luftdruck sein, das allein sollte die Gesamt-Hm aber um weniger als 50m reduzieren. Da muß noch was anderes reinspielen (Strava-Algorithmen ?)

    • Das mit dem Verstehen der Abweichungen der Höhenmessung hab ich aufgegeben. Da spielen zu viele Faktoren rein. Das sind komplexe Algorithmen mit etlichen Faktoren. Nachweislich sind die aktuellen Edge Geräte nicht all zu genau. Ob das an der kompakten Bauform oder an Firmware Problemen liegt weiss ich nicht. Die Strava Algorythmen sind es auch nicht, denn der Fehler ist auch auf Garmin Connect zu sehen. Mein altgedienter Garmin Oregon bleibt von diesen Problemen aber unberührt… Also Garmin kann es prinzipiell schon…

  5. Hi, habe gerade deinen kompletten Blog gelesen. Danke für das Teilen deiner Touren. Auch die Bilder gefallen mir. Macht Lust auf Radfahren. Beeindruckende Leistung.


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