Verfasst von: dawncycling | 8. Juni 2018

Allgäu Safari

Bericht zum 600er Brevet „Allgäu-Rundfahrt“ von ARA Oberbayern am 01.06.2018

Für die Feinheiten & Kniffe wie man Langstreckenbrevets erfolgreich bewältigt gibt es bis heute weder Lehrbücher noch Schulen. Man findet als Neuling diverse Tipps & Weisheiten in den unzähligen Berichten, die so mancher Randonneur gerne schreibt. Aber wenn man so vor seinem ersten 600 Kilometer Brevet steht, verwirren einem diese (teils widersprüchlichen) Wissensbrocken vermutlich mehr, als das sie einem nützen. Als ich vor zehn Jahren meine erste Brevetsaison bewältigt hatte war ich froh, dass ich erfahrene Randonneure an meiner Seite hatte, von denen ich viel abschauen und lernen konnte. Einer davon war Klaus, mit dem ich 2008 u.a. meinen ersten 600er in Osterdorf gefahren bin. Mit seiner freundlichen und gelassenen Art hat er mir damals viel mehr vermittelt als ihm evtl. bewusst ist. Dieses Erlebnis hat mich tief mit ihm verbunden und ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn wir, in den letzten Jahren, den einen oder anderen Brevetkilometer zusammen gefahren sind.

Gemeinsam mit Klaus und mir wollte nun Ricardo seinen ersten 600er Brevet unter die Räder nehmen. So hatte nun erstmals ich die Gelegenheit meine eigenen Langstreckenerfahrungen bzw. die Fackel des Langstreckenfeuers an die nächste Generation weiterzugeben. Wir drei sind dieses und letztes Jahr schon ein paar Brevets bei Karl zusammen gefahren und haben und haben dabei leistungs- und fahrtechnisch prima zusammen harmoniert. Und da wir uns zufällig alle drei für den 600er in München entschieden hatten, stand bereits im Vorfeld quasi fest, diesen Brevet als gemeinsame Gruppenfahrt zu absolvieren.

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Am Start unterhielten wir uns über die geplante Ankunftszeit bzw. das Tempo, in dem wir ganz grob unterwegs sein wollten. Mit meiner spontanen Ansage Ankunft um 12:00 Uhr mit einem 25er Schnitt lag ich dann sehr erstaunlich nahe an den dann tatsächlich erreichten Zahlen. Ich wollte dieses Brevet auf jeden Fall nicht am Anschlag fahren um immer genügend Luft zu haben diese Fahrt vollumfänglich zu genießen.

Unterwegs haben wir dann (wie eigentlich auf jedem Brevet) wieder einiges erlebt bzw. einige Lektionen gelernt. Darum möchte ich den weiteren Bericht mal etwas wie ein Langstrecken-Lehrbuch gliedern. Das Ganze ist natürlich nicht wirklich ernst gemeint und erhebt keinerlei Anspruch auf Richtigkeit und/oder Vollständigkeit 😋

Lektion #1 Folge nicht den Trollen

Den Brevet-Radtrollen begegnet man zumeist zu Beginn eines Brevets. Sie scheinen über unbändigbare Kräfte zu verfügen, was es ihnen unmöglich macht sich in einer Gruppe hinten einzureihen und zu warten, bis sie an der Reihe sind vorne zu fahren. Stattdessen überholen sie bei jeder Gelegenheit von hinten und setzten sich dann aber nicht direkt vor den ersten Fahrer der Gruppe, sondern reißen ein Loch von 5-10 Metern. Mit dieser trollhaften Fahrweise verbreiten sie eine enorme Unruhe, denn sehr oft sind die Überholten verleitet, die Lücke zu dem Troll umgehend zu schließen und ihm somit auf den Leim zu gehen. Denn bei nächster Gelegenheit wird er sich zunächst zurückfallen lassen um neue Kräfte für seinen nächsten Troll-Vorstoß zu sammeln.

Die meisten Brevet-Radtrolle haben vermutlich keine böswillige Absicht hinter ihrem Tun, sondern sind eigentlich ganz nette Randonneur-Kollegen. Wahrscheinlich haben sie es einfach nicht besser gelernt oder stehen auf das ganz besondere Gefühl die letzten zwei Drittel eines Brevets völlig geplättet zu erleben 🤔

Da die Macht der Brevet-Radtrollen maximal für das erste Drittel eines Brevets ausreicht muss man in dieser Zeit ganz stark sein um sich nicht von ihnen verleiten zu lassen. Danach bleiben sie in einer der Kontrollstellen „kleben“ und werden meist bis zum Ziel nicht mehr zu beobachten sein. Diese Beobachtung hat sich auch dieses Mal wieder bewahrheitet und ab der Dreiangelhütte bei KM 180 hatten wir unsere Ruhe und bis ins Ziel wurde kein weiterer Troll mehr gesichtet.

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Lektion #2 Fahrspaß am Tag

Der Inhalt dieser Lektion bestand darin zu erkennen wie die Schönheit einer Strecke einem sprichwörtliche Flügel verleihen kann. Muss man beim 600er in Nordbayern erst einen ganzen Tag lang radeln um in der Abenddämmerung einen Blick auf das Alpenpanorama zu erhaschen startet man in München quasi von Anfang an mit Postkartenpanorama. Und diese traumhaften Aussichten hielten dann auch den ganzen Tag an bzw. steigerten sich sogar noch ein wenig.

Jörgs Strecke führte auf kleinsten – nahezu autofreien – Wirtschaftswegen entlang des Alpenrandes. Das Allgäu ist diesbezüglich schon der Wahnsinn – scheinbar ist dort jeder Kuhstall mit dem nächsten durch ein asphaltierten Weg verbunden. Absolut faszinierend! Die Streckenführung war den ganzen Tag bis Ravensburg (und darüber hinaus) vom Allerfeinsten! Nachdem jetzt z.B. schon die Flußradwege mit Prädikaten versehen werden verdient dieses Brevet meiner Meinung nach als erster das Prädikat einer Fünf-Sterne-Premium-Brevetstrecke 😍

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Wer Brevets gerne schnell fährt sei aber gewarnt, dass durch die ständigen Richtungswechsel auf den Wirtschaftswegen ein „Ballern“ auf diesem Kurs nur sehr eingeschränkt möglich ist. Außerdem lag in fast jeder Kurve auch etwas Schotter / Split und erforderte somit stets etwas Obacht. Aber das ist vermutlich auch genau Jörgs Absicht gewesen – einen Genießerbrevet zu schaffen wo das Fahrtempo in den Hintergrund rückt.

Wenn mich im Nachhinein jemand fragt ob die Strecke arg hügelig war müsste ich ihm antworten, dass ich mich nicht wirklich daran erinnern kann. Durch die wahnsinnig schöne Landschaft und das damit einhergehende dauernde Fotografieren habe ich gar nicht wirklich darauf geachtet wie arg es hoch und runter ging. Klar ist das Allgäu nicht die Nordsee und die Strecke ist durchweg wellig – aber wenn der Fahrspaß stimmt fällt einem das Vorankommen deutlich leichter als in eher monotonen Gegenden.

Den Höhepunkt erreichte die Strecke auf den nahezu autofreien Abschnitt von Füssen über das Königssträßlein zur Dreiangelhütte und dann weiter über Rohrmoos in Richtung Oberstaufen. Ich musste hier stets darauf achten vor lauter Naturimpressionen keinen akuten Anfall an Schnappatmung zu bekommen.

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Lektion #3 Im richtigen Moment die Füße stillhalten

Es gibt sehr wenige Situationen wo das aktive Stillhalten der Füße den Randonneur mehr nützt als das sonst übliche stoische Weitertreten. Eine dieser Situationen sind kurze Unwetter mit Starkregen und/oder Hagel. Wenn man komplett nass ist wird einen dies auf längere Sicht mehr bremsen als wenn man sich kurz unterstellt und das Unwetter abziehen lässt.

Hatte ich eigentlich schon den ganzen Nachmittag mit einem Gewitter gerechnet, so blieben wir bis Ravensburg trocken. Ein echtes Wunder, wenn man wie ich ein ausgeprägter „Wettervorhersagen-Hypochonder“ ist und die schlechten Vorhersagen in den Tagen vor dem Brevet beachtet.

Auf dem Stück von Ravensburg nach Pfullendorf erwischte uns dann aber doch noch eine kleinere Starkregenwolke. Nach 10 Minuten ausharren unter dem Dachvorsprung eines Hauses an der Straße war der Spuk aber auch schon wieder vorbei. In dieser Pause konnte jeder seine Regenklamotten anziehen um dem schwächer werdenden Restregen und dem Spritzwasser von unten zu trotzen.

Der Abschnitt von Ravensburg nach Pfullendorf erwies sich als sehr zäh und fordernd. Wie eine Treppe ging es mit ständigen Zwischenabfahrten konstant nach oben. Oft hatte man das Gefühl „jetzt sind wir endlich oben“ um nach einer kurzen Abfahrt noch weiter nach oben zu klettern. Und eigentlich war man dann erst an der Kontrolle in Pfullendorf wirklich oben angekommen und die Strecke wurde wieder einfacher.

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Lektion #4 Fahrspaß in der Nacht

Nach einem Tag voller schöner Landschaften schwindet die Motivation in der Dunkelheit rapide dahin. Der Kopf erhält keinerlei Input mehr und so keimt recht schnell das Gefühl der Langeweile auf und das Treten wird zusehends mechanisch und träge. Genau für diesen Moment hatte ich meinen MP3 Player im Gepäck der mir schon mehrmals in solchen Situationen einen wahren Motivationsschub verliehen hatte.

Als dann nach Pfullendorf durch die immer noch nassen Straßen leichter Bodennebel entstand und dazu ein fast voller Mond mit seinem Licht eine ganz tolle Stimmung erzeugte war der Zeitpunkt gekommen den Musik-Joker zu „zünden“. Was dann die nächsten zwei Stunden folgte lässt sich wohl am besten mit dem Begriff „rauschähnlicher Zustand“ beschreiben. Ein Zustand wo ich komplett mit meiner Umgebung verschmolz und alles um mich herum komplett vergaß. Das kürzlich erworbene 80er-Retro-Metalalbum von BEAST IN BLACK erwies sich als absolut genial und Hits wie „I am Crazy, Mad, Insane“ spiegelten meinen Gefühlszustand ziemlich gut wieder 🤩

Normalerweise wechselten wir drei uns in der Führung gleichmäßig ab, aber auf dem Abschnitt von Pfullendorf bis Biberach fuhr ich gefühlt die komplette Strecke vorne und musste mich eher noch etwas einbremsen um die musiklosen Kollegen nicht platt zu fahren.

Und was ist jetzt die Lektion an dieser Story? Ganz einfach: kenne deine persönlichen Motivationsquellen für zähe Phasen und nutze sie!

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Lektion #5 Gelassenheit

Nach Biberach folgte ein durchweg zäher Abschnitt. Zum einen kosteten die verfrickelten Eiszeitwellen durch ihre Steilheit und ihre Häufigkeit so einige Körner. Zum anderen zeigte der Schlafmangel bei jedem von uns deutliche Spuren.

Ricardo erwischte der Sandmann dabei am heftigsten und er konnte uns nur noch schleppend folgen. Als sich in der Dämmerung eine geräumige Bushaltestelle mit einer Holzbank für einen kurzen Powernap geradezu aufdrängte nutzen wir diese Gunst umgehend. Klaus stellte seinen Kurzzeitwecker auf 10 Minuten und jeder schloss seine Augen.

Nach diesem Nap, etwas Verpflegung an der folgenden Kontrolle in Mindelheim und den steigenden Temperaturen kehrten bei jedem von uns die Lebensgeister zurück.

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Fazit

Genug des Lehrbuchgeschwafels – einfach geil wars! Diese Genießer-Panorama-Premium-Brevetstrecke gehört zu den schönsten die ich jemals gefahren bin. Es hat einfach alles gepasst auch die Kontrollstellen waren in optimalen Abständen und von bester Qualität (z.B. nachts um drei ein McD wo man drin sitzen kann!). Das Ganze dann noch in einer netten Gruppe bei gutem Wetter war der pure Randonneursgenuss. Danke Jörg und Igor für eueren tollen Startort – ich werde sicherlich wiederkommen!

Links

Flickr Fotoalbum mit vielen weiteren Bildern:
https://flic.kr/s/aHskzjpTmk

Aktivität auf Strava:
https://www.strava.com/activities/1613601240

Offizielle Seite des Veranstalters:
https://aramuc.de/brevets/

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Responses

  1. Schöner Bericht wie aus dem Lehrbuch;) Macht richtig Lust darauf das Brevet auch einmal in die eigene Planung aufzunehmen!

  2. Cooler Bericht! War wirklich ein wunderschönes Brevet … nahezu ohne Verkehr, das findet man in Italy kaum mal … Hügel im Allgäu? Ich hatte eigentlich gedacht nach Pfullendorf sollte es flach werden …typischer Fall von Denkste … dass dem wirklich nicht so sein würde, zeigte ja schon mein Tacho … etwas 3000 und das Doppelte sollte es am Ende sein … immer wieder megasteile Anstiege … puhhh- hatte das Ding ganz schön unterschätzt. War aber wunder- wunderschön!!


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