Verfasst von: dawncycling | 27. Mai 2018

Bikepacking Safari: Eifel, Hunsrück & Pfälzer Wald

Idee / Entstehung

Lange habe ich diese Perle in meinem Strecken-Schatzkästchen aufbewahrt und gut gehütet. Wie vermutlich viele andere auch, speichere ich mir Ideen zu großartigen Touren, die ich unbedingt mal fahren möchte, in einer Art virtuellem Schatzkästchen. Da man leider viel weniger verfügbare Zeit als mögliche Tourenideen hat, ist es immer wieder was ganz Besonderes, wenn man solch eine Perle auspacken und in die Tat umsetzen kann. Und da sich mir an Pfingsten 2018 ein längeres familienfreies Zeitfenster zur Verfügung stand, habe ich diese Perle, die schon einige Jahre in meinem Schatzkästchen lag, ausgepackt: Die Eifel Durchquerung mit dem Mountainbike aus der Zeitschrift Bike. Irgendwelche Gegenden zu durchqueren ist eh cool und die Eifel ist mir eine völlig fremde Gegend, die mich schon immer mal interessiert hat.

Ich bin zwar alles andere als ein eingefleischter Biker. Weder mag ich technisches Trailgehüpfe noch stehe ich auf rasante Downhills. Eigentlich bin ich ja auf der Straße bzw. den Langstrecken-Brevets zu Hause und würde mich eher als Ausdauer-Junkie bezeichnen. Aber als grenzenloser Grenzgänger mit einem Hang zu epischen Abenteuern, war ich mir sicher, dass daraus ein cooles Abenteuer entstehen könnte.

Mit den Erfahrungen aus einem schon sechs Jahre zurückliegenden ersten Ausflugs in die Welt des Bikepackings (damals war das für viele noch ein Fremdwort) stand für mich fest, auch dieses Mal wieder mit komplettem Schafequipment auf die Reise zu gehen und nur in Ausnahmefällen in ein Hotel auszuweichen.

Die von der Zeitschrift Bike veranschlagten fünf Fahrtage für die Eifel stampfte ich in meinem Kopf gleich mal auf zwei zusammen. Genaugenommen noch auf etwas weniger, da die Anreise mit der Bahn auch noch in diese zwei Tage reinpassen musste.

Als Ausgleich verlängerte ich die Strecke ab Trier über Hunsrück und Pfälzer Wald zu mir nach Hause. Da ich mich in dieser Gegend nicht auskannte, suchte ich mir ein paar weitere Tracks als Grundlange aus dem Internet. Das waren zum einen der Wanderweg Saar Hunsrück Steig, den mein Schwager schon zu Fuß bewältigt hatte. Zum anderen habe ich auf GPSies noch einen Track einer Gruppe MTBler gefunden, die eine Mehrtagestour durch die Pfalz unternommen hatten. Danach habe ich diese Tracks verbunden und nach eigenem Gutdünken mehrfach „optimiert“. Ich habe dabei meistens unnötige Schlenker und Trails eliminiert. Im Gegensatz zu einem reinrassigen Biker habe ich nämlich keine Asphaltallergie und mein Fokus lag auf einem halbwegs flüssigen Vorankommen 😜

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Eifel

Nach der Anreise per Zug stand ich am Pfingstsamstag um 11:00 Uhr mit 109 Kilogramm Systemgewicht am Kölner Dom und war bereit für mein Abenteuer. Ich hatte keine Übernachtungen gebucht und wollte jeweils so lange fahren wie es hell war und mir dann einen Schlafplatz suchen. Kochequipment oder ähnliches hatte ich keines dabei. Ich wollte, wenn der Hunger groß wurde, immer was Essen gehen. Für zwischendurch hatte ich etliche Riegel, Nüsse und Kohlenhydratpulver im Gepäck.

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Nach den ersten flachen 50 Kilometern begann die Eifel. Mein beladenes „Schlachtschiff“ navigierte auch auf Wurzeltrails einigermaßen agil. Die Trails waren zum Glück alle super trocken und mit meinen Schwalbe Marathon Mondial Reisereifen sicher fahrbar.

Eine erste echte Challenge war der Haselbachgraben Trail: fast 10 Kilometer an einem Graben entlang, auf der einen Seite ein Abhang, auf der anderen der Wassergraben und oben 30-80 cm breit der Trail, der gegen Ende nahezu komplett mit Wurzeln und Steinen gespickt war. Landschaftlich ein echter Traum, aber fahrtechnisch für meine Fuhre teilweise etwas zu viel des Guten. Zwei Mal bin ich dann auch abgerutscht – aber nix passiert – außer ein paar Grenzen gefunden 🙃

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Aufgefallen ist mir dabei nur, dass ich keinerlei Pflaster / Verbandmaterial im Gepäck hatte. Hätte ich mir an einem Stein / Ast / etc. eine blutende Wund geholt, hätte ich alt ausgesehen.

Nach einem warmen Essen im hübschen Monschau blieb der Trailanteil hoch bis an der Olef Talsperre endlich wieder etwas fahrbarer Belag auftauchte. Die Abendstimmung bei untergehender Sonne war super schön und ich fand direkt an der Staumauer an einer Sitzbank einen geeigneten Schlafplatz.

Sehr cool war, dass man inzwischen – selbst in der Eifel – fast flächendeckend mobile Daten am Handy hat. So konnte ich noch etwas im Schlafsack chillen und mit dem Rest der Welt kommunizieren!

Die Nacht war arschkalt und mit morgendlichen 1° Grad an der Grenze der Komfortzone meines Schlafsystems. So brach ich auch schon wieder recht früh auf, um mich bewegend zu erwärmen. Hart war es, sich dann in dieser Kälte umzuziehen und startklar zu machen. Isomatte aufrollen ging z.B. nur bibbernd und mit Handschuhen 😝

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Nach langen zwei Stunden Kälte wärmte endlich die Sonne etwas. Als ich dann in Prüm ein klasse All-You-Can-Eat Frühstücksbuffet fand, war die Welt wieder im Lot. Der Tag begann mit verdächtig niedrigem Trailanteil, was sich im weiteren Verlauf des Tages aber schnell wieder ausgleichen sollte.

Laut Karte ging es dann recht entspannt irgendwelchen Bachtälern entlang. Was man auf der Karte aber nicht klar sehen konnte war, dass es niemals flach und fast die ganze Zeit auf wurzeligen Trails auf und ab ging. So langsam begann ich meine starrsinnige Starrgabel nicht mehr so zu mögen.

Gegen Mittag kam dann ein Gewitter aufgezogen. Den ersten Regen wartete ich im Wald ab und nutzte die Zeit für „dringliche Geschäfte“. Der Regen kehrte dann aber nach einer kurzen Pause zurück und sollte mich bis Trier dann komplett durchweicht haben. Vor Trier hatte ich den originalen Track ziemlich entschärft und blieb unten am Fluss auf einem Radweg. Der Tag war aber auch schon so lang und hart genug und ich war relativ platt. Der letzte Hügel vor Trier kostete mit Navigationsproblemen, nassen glitschigen Trails und steilen Anstiegen dann nochmal alles.

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Da ich komplett durchweicht war und der Regen laut Regenradar auch noch bis in die Nacht reichen sollte, entschied ich mich ein Hotelzimmer zu nehmen. Was am Pfingstsonntag in Trier aber kein leichtes Unterfangen war. Nach dem ca. zehnten Telefonat hatte ich dann noch ein freies Einzelzimmer gefunden und legte dort erstmal mein gesamtes Equipment trocken. Nach zwei Tagen im Freien kam es mir im Hotel heiß wie in einer Sauna vor und ich öffnete erstmal das Fenster soweit es ging. Da ich keinerlei normale Bekleidung bei mir hatte, aber unbedingt noch ein paar Bier an der Hotelbar trinken wollte, machte ich mich in Radhose, meinem langarm Unterhemd (was ich zum Schlafen dabeihatte) und auf Socken in die Hotelbar auf. In dem recht feinen Hotel mag ich dann wohl etwas deplatziert gewirkt haben, aber das Bier war ausgezeichnet 😉

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Hunsrück / Pfälzer Wald

Nach einem First-class-Hotel-Frühstücksbuffet, wo ich mich primär durch das Rührei, Bacon und gebratene Lyoner gefuttert hatte, ging es dann auf den zweiten Part meiner Reise. Wobei sich der Saar Hunsrück Steig im Bezug aufs Bikepacking als Schnapsidee rausstellte. Viele holperige Wurzel-, Stein- und Wiesentrails jenseits des für mich Fahrbaren. Dazu noch sehr steile Anstiege hinauf zum keltischen Ringwall Otzenhausen. Das bepackte Rad da hoch und hinüber zu wuchten war die reinste Plackerei. So bin ich in der ersten Hälfte dieses Tages bestimmt über fünf Kilometer „Hike a Bike“ gewandert.

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Vor dem Erbeskopf habe ich dann den Saar Hunsrück Steig verlassen und den Track spontan etwas improvisiert angepasst. Ab dann war ich aber auch schon auf dem Teilstück unterwegs, welches ich mir von den Pfälzer MTBlern abgeschaut hatte. Und was für eine Wohltat war die Strecke dann auf einmal. Leichte Gravel-Trails und viele Schotterwege taten meiner Stimmung sehr gut. Als ich dann in Sankt Wendel noch einen Top Burger als Abendessen genoss, war die Plackerei des Vormittags schon wieder vergessen.

Voller Fahrspaß fuhr ich in den Abend rein. Es war ein tolles Gefühl einfach so weit zu fahren wie man wollte und sich dann zum Schlafen hinlegen zu können. Cycle, Eat & Sleep in der pursten und schönsten Form!

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Die ersten 2,9 Tage hatte mein geplanter Track soweit perfekt gepasst. Nicht alles fahrbar – holperige Trails bis über die Schmerzgrenze, aber es war zu mindestens immer ein Weg erkennbar. Am Ende des dritten Tages, wo ich mich so langsam auf die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz machen wollte, kam dann eine „spontane Überraschungseinlage“ auf mich zu.

Ich kam von einem Hügel runter und sollte das Tal durchqueren, um auf der anderen Seite auf den nächsten Hügel raufzufahren. Der Weg wurde plötzlich verdächtig zugewachsen mit Brennnesseln etc. Seit einer Weile war hier keiner mehr durchgefahren. Dann verlor sich der Weg im Nichts und ich stand im Wald. 50 Meter tiefer konnte ich die Straße sehen. Also scheißdrauf und mit dem Rad querfeldein den Abhang runtergerutscht. Unten waren dann eine hohe Wiese und eine Viehweide mit niedrigem Gras. Kurzentschlossen wuchte ich das 20 KG schwere Rad über den Zaun. Auf der Weide fiel mir dann ein, dass es hier ja Kühe haben könnte. Und prompt starrten mich einige verwirrte Rinder aus der Ferne an. Also blitzschnell das Rad wieder über den Zaun zurück und durch die hohe Wiese weiter.

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Aber wie es so kommen musste, war das noch nicht das Ende dieser Anekdote. Mitten in der Wiese war dann noch ein 1 Meter breiter und relativ tiefer Graben mit einem Bächlein darin. Radweitwurf und drüber springen war ausgeschlossen. Links war die Viehweide mit den Rindern, die mich ganz interessiert inspizierten. Rechts war soweit ich es sehen konnte keine Brücke und nur hohes Gras. Die Straße war aber nur noch 20 Meter entfernt. Da ich wegen der herannahenden Dunkelheit keine Zeit für irgendwelche Aktionen wie Schuhe ausziehen etc. hatte, schritt ich beherzt ins kühle Nass. Das Rad auf der anderen Seite irgendwie hochwuchten und mich selbst dann noch grazil den Hang hochziehen.

Als ich dann schließlich die Straße erreichte, musste ich innerlich (trotz Schlamm in den Schuhen) herzhaft schmunzeln. Kurz darauf erreichte ich irgendwo auf einer Anhöhe einen geeigneten „Campingplatz“ und legte meine Schuhe erstmal mit ein paar Tempos trocken.

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Am vierten Tag hatte ich dann nur noch ca. 170 KM bis nach Hause. Davon viele flache Stücke durchs Rheintal. Nach einem leckeren Bäckerei-Frühstück in Rodalben (u.a. Schnitzel-Weck mit warmen Schnitzel + Krautsalat) warteten noch die letzten Kilometer Wald + Trails bis Annweiler. Irgendwie war ich von den letzten Tagen nun doch schon recht kaputt und freute mich aufs flache Rollen durchs Rheintal.

Es wurde immer heißer und schwüler und Gewitter umkreisten mich. Zunächst aber noch mit etwas Abstand. In Kraichtal erwischte mich eine heftige Gewitterfront dann 40 KM vor zu Hause. Das volle Programm mit Hagel, Starkregen, Temperatursturz etc. Zunächst stand ich noch unter einem Baum, fuhr dann aber etwas weiter und fand eine zugige Brücke zum Unterstellen. Nass bis auf die Knochen schlotterte ich vor mich hin und zog mir alles an, was ich dabeihatte. Das reichte aber immer noch nicht und so schlotterte ich weiter.

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Nach über einer halben Stunde anhaltendem Starkregen wurde es dann zu mindestens etwas heller und der Regen leicht schwächer. So fuhr ich mich dann schließlich auf mir bis dato unbekannten Offroad Pfaden bis nach Hause.

Fazit

Bikepacking ist die Unterform des Fahrradfahrens mit dem vermutlich größten Freiheitsgefühl. Draußen zu Schlafen ist ein purer Genuss und wenn man es sich erst Mal getraut hat, fällt dies auch immer leichter. Tiefer kann man in die Natur mit dem Rad vermutlich nicht eintauchen. Auf der Straße mag das auch zu einem gewissen Grad funktionieren, aber an das Erlebnis im Gelände kommt das mit Abstand nicht ran. Ob bzw. wie weit man sich seinen Weg mit Trails und Steigungen erschwert, liegt im eigenen Ermessen. Mir würde fürs nächste Mal auch eine reine Schotter / Gravel Strecke ohne garstige Wurzeltrails ausreichen. Denn nach vier Tagen Trails mit Starrgabel sind meine kleinen Finger an beiden Händen durch die vielen Schläge und Vibrationen ziemlich taub geworden. Oder eben doch wieder etwas Federung am Lenker … mal sehen 😉

Links

Aufgezeichneter Track:
https://www.gpsies.com/map.do?fileId=womvnvhrfhangpbr

Aktivitäten auf Strava:
Tag 1: https://www.strava.com/activities/1582683465
Tag 2: https://www.strava.com/activities/1585114880
Tag 3: https://www.strava.com/activities/1587290822
Tag 4: https://www.strava.com/activities/1589087640

Flickr Fotoalbum mit vielen weiteren Bildern:
https://flic.kr/s/aHsmghbLYU

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