Verfasst von: dawncycling | 28. Oktober 2014

Six Rivers

Dies ist ein Bericht zu einer 686 km Bikepacking-Solo-Radtour vom 24.-26.10.2014 die mich entlang von Saar / Blies / Glan / Rhein / Main / Neckar führte. Der komplette Streckenverlauf ist hier anzuschauen.

Streckenplanung (die graue Theorie)

Die Inspiration zu der Strecke hatte ich im Rennrad-News.de Forum gefunden. Mir gefiel die Idee, von zu Hause aus mir noch unbekanntes Terrain zu erkunden, ziemlich gut. So habe ich mir zunächst im Internet die GPS-Tracks von der Fernstrecke Paris-Stuttgart, dem Saarkanal-Radweg und dem Blies-Glan-Radweg rausgesucht. Dann hab ich diese Tracks dann passend zusammengeschnitten, durch Verbindungsstücke ergänzt und nach eigenen Ideen nach und nach verändert.

Die Integration von (unbekannten) Radwegen in eine langstreckentaugliche Strecke ist immer ein heikler Punkt. Zum einen kommt man auf Radwegen meist nicht so flüssig wie auf der Straße voran und zum anderen kann die Wegbeschaffenheit nicht immer für dünne Rennradreifen geeignet sein. Aus diesem Grund habe ich den Blies-Glan-Radweg vorsichtshalber nur als Orientierung genutzt und die im Tal verlaufenden (Bundes-)straße gewählt.

Für den Rückweg von Bingen nach Hause hab ich mit etwas neuem in Sachen Streckenplanung experimentiert: der Routenplaner von Strava. Das Besondere am Strava Routenplaner ist die Tatsache, dass er auf den hochgeladenen Trainingseinheiten anderer Strava User basiert. Das klingt von der Idee her sehr vielversprechend und weckt die Hoffnung auf eine funktionierende „Auto-Routing“ Funktion für Radfahrer.

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Streckenerfahrung (die Praxis)

Der Rhein-Marne-Kanal ab Brumath und der Saarkanal bis Sarreguemines sind beides alte Treidelwege (Bedeutungen: ein Weg entlang an Flüssen, der dazu dient Schiffe von Hand, oder mit Tieren flussaufwärts zu ziehen). Die Wege sind komplett asphaltiert und waren der pure Radelgenuss. Fast jeden Kilometer passiert man dabei eine kleine Schleuse, was die Fahrt sehr abwechslungsreich werden ließ.

Die Bundesstraße entlang der Blies war dagegen, wegen sehr dichtem Verkehr, eine kleinere Fehlplanung – hier wäre der Radweg sicher die bessere Option gewesen. Der Verkehr ließ dann zum Glück hinter Homburg entlang der Glan deutlich nach und das Tal rollte richtig gut!

Den größten planungstechnischen Fehler hatte ich mir an dem Verbindungsstück von der Glan an den Rhein geleistet. Da es am PC nur „leicht wellig“ aussah, plante ich den kürzesten Weg auf kleinen Nebenstraßen nach Bingen. Wenn mir jemand vorher gesagt hätte, dass das dort eine Weinbaugegend ist und diese scheinbar harmlosen Hügel in Wirklichkeit giftige Weinberge sind, hätte ich diesen Fehler wohl nicht gemacht. Nach der ersten Weinberg-Kostprobe nach Burgsponheim entschied ich mich, da ich körperlich schon recht platt war, zu einer spontanen Streckenänderung nach Bad Kreuznach und dann weiter auf dem Naheradweg an den Rhein. Dabei erlebte ich dann alle bekannten Begleiterscheinungen, welche solch spontanen Streckenänderungen bekanntlicher Weise nach sich ziehen können: orientierungsloses rumirren in Bad Kreuznach, spontane Offroad-Einlagen entlang der Nahe usw. 😉

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Was mir im Nachhinein wie ein Rätsel erscheint ist die Frage wie ich auf die Idee kam, die weitere Routenführung mitten durchs Rhein-Main Gebiet verlaufen zu lassen. Zum einen mag ich schon mit „frischem Kopf“ durch keine Ballungsgebiete radeln, aber mit über 200km in den Beinen (an diesem Tag) war das schon recht „unentspannt“. Zudem war das konzentrierte radeln nach dem Navi weder flott noch spaßig.

Die Erlösung war dann schließlich als ich nach F-Höchst auf den Main Radweg wechselte. Die Frankfurter Skyline bei Nacht mit dem ganzen lustigen Partyvolk auf den Parkbänken am Mainufer war dann ein sehr schönes Erlebnis!

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Die weitere, vom Strava-Routenplaner errechnete, Strecke entlang des Mains bis Miltenberg war sehr flüssig zu fahren. Ich hatte das Gefühl als ob die Route von einem einheimischen Radler hätte stammen können. Der Strava-Routenplaner hat sich hier also sehr bewährt!

Zurück über den Odenwald war ich schon wieder fast in heimischen Gefilden und nach dem Rhein-Main Gebiet war die Einsamkeit und Ruhe in dieser Gegend eine richtige Wohltat. Dabei ließ sich sogar den langen Steigungen und Wellen einiges an Genuss abgewinnen.

Minimal Camping

Als Anhänger des „Self-Supported-Gedankens“ beim Langstreckenradeln nutze ich bei dieser Solo-Tour, bei der ich keinerlei Zeitdruck hatte, die Möglichkeit mal wieder meine minimale Camping Ausrüstung auszuprobieren. Diese besteht aus einem Biwaksack, einer Therm-a-Rest NeoAir Matte und einem leichten Daunen-Schlafsack. Dies wiegt zusammen zusätzliche ~2300 Gramm, was sich bei dieser recht flachen Tour gut verkraften lassen sollte.

Ich gestehe, dass ich diese Art des „Reisens“ noch als großes Abenteuer betrachte und mich bewusst der Herausforderung ausgesetzt habe unterwegs einen geeigneten Schlafplatz zu suchen. Wie bei so vielen Dingen macht auch hier wahrscheinlich die Übung den Meister – bzw. wird man nach einigen Selbstversuchen bestimmt um einiges cooler.

Meine persönlichen Anforderungen an einen geeigneten Schlafplatz sind in priorisierter Reihenfolge: 1. Ruhe bzw. Einsamkeit, 2. Nicht-Sichtbarkeit vom Radweg bzw. Straße, 3. Ein Dach über dem Kopf wenn es nachts regnen kann.

Wenn man nun müde und platt nach Stunden im Sattel nach einem geeigneten Schlafplatz Ausschau hält ist das ganz schön kniffelig.

Was nun bei meiner Tour an Schlafplätzen rauskam ist folgendes:

Für die erste Nacht hab ich mich für einen Schuppen auf der Rückseite eines leerstehenden Haus am Rhein-Marne Kanal entschieden. Auf dem Bild kommt dieser Schuppen vielleicht etwas „müllig“ rüber, aber es war echt gemütlich dort. Kurz nachdem ich mich hingelegt hatte begann es kräftiger zu nieseln und ich war froh an dem Dach über mir. In dieser Nach sank die Temperatur bis auf geschätzte 4 Grad, was sich mit meiner Ausrüstung aber gut verkraften lies. Hart war es nur morgens aus dem kuscheligen Schlafsack zu kriechen… Brrr…

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Für die zweite Nacht musste ich nach dem „Rhein-Main Inferno“ etwas früher als im Vorfeld geplant einen Schlafplatz suchen. Bei Hanau stoppte ich dann an einer abgelegen Mainbrücke. Der Brückenpfeiler bot zum einen Blickschutz hin zum Radweg und die Brücke diente als Dach. Direkt auf der anderen Mainseite bot das Kraftwerk Hanau eine ganz besondere „Industrieromantik“. Diese Nacht war etwas milder aber wieder hatte es ein wenig geregnet.

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Diese Art des „Rad-Campings“ hat schon seinen ganz eigenen rustikalen Charme und ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Mir gefällt dieses unabhängige Freiheitsgefühl was man dabei empfindet.

Bier (Mythen & Wahrheiten)

Bei den alten Hasen unter den Langstreckenradlern ist gang und gäbe unterwegs beim Radeln das eine oder andere Bier zu trinken. Und ich meine jetzt nicht die alkoholfreie „Light“ Variante sondern das „echte“ Bier. Jung-Randonneure reagieren darauf meist sehr irritiert mit Sätzen wie „wenn ich jetzt ein Bier trinken würde, könnte ich nicht mehr weiterfahren und würde sofort einschlafen“. Wer hat nun Recht, die Alten oder die Jungen?

Es war im Vorfeld keineswegs so geplant und ergab sich eher recht spontan, als ich noch ganz zu Anfang meiner Tour, an der Hausbrauerei Vogel in Ettlingen vorbeiradelte. Das leckere Bier dort kannte ich noch aus meiner Jugendzeit und war wie magisch angezogen dort eine Verpflegungspause einzulegen und natürlich erstmal ein Bier zu trinken. Am zweiten und dritten Tag entwickelte sich die Sache dann zu einem „schonungslosen Selbstversuch“ unterwegs mal nicht nur Süßgetränke (Cola, Fanta, etc.), sondern bei jeder Gelegenheit ein Bier zu trinken. Man darf jetzt nicht denken, dass ich da angetrunken über die Straßen getorkelt wäre. Bei so einer intensiven körperlichen Leistung „verflüchtigt“ sich so ein Bier wieder recht schnell und ich war stets völlig klar im Kopf. So alle 50km eine Halbe verträgt man ohne unangenehme Begleiterscheinungen ganz gut 😉

Und ich muss als Fazit dieses Selbstversuches den alten Hasen völlig Recht geben! Bier hat mich nie müde oder schlapp gemacht sondern eher das Gegenteil bewirkt: Meist lief danach der „Motor“ wieder wie geschmiert. Der Alkohol lies zudem keine sorgenvollen Gedanken aufkommen und hellte jedes Mal meine Stimmung deutlich auf 😀

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Als einzigen negativen Punkt lasse ich eventuell gelten, dass man mit Zuckergetränken etwas schneller unterwegs ist. Das liegt zum einen am höheren Energiegehalt und zum anderen an der geringeren Anzahl an Pinkelpausen. Aber Geschwindigkeit ist nicht immer das wichtigste beim radeln 😉

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Daten der Tour

Start Fr. ~16:40 – Ende So. ~16:40
Schlafpause Fr./Sa. 7:30 Std.
Schlafpause Sa./So. 8:20 Std.

Brutto Gesamt 49:00 Std. (incl. eine Stunde Zeitumstellung)
Netto Gesamt 28:27 Std.

Fr. 24.10.14: 7:12 Std. (Netto), 7:50 Std. (Brutto), ↔ 176,86 km, ↑ 890 m
Sa. 25.10.14: 13:43 Std. (Netto), 16:00 Std. (Brutto), ↔ 320,62 km, ↑ 1.800 m
So. 26.10.14: 7:32 Std. (Netto), 10:20 Std. (Brutto), ↔ 189,18 km, ↑ 1.050 m

Track:
GPSies - Six Rivers

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