Verfasst von: dawncycling | 18. Juli 2012

Geländeprüfung

Eigentlich könnte man meinen, dass im Jahre 2012 alles nur erdenkliche schon erfunden bzw. schon mal ausprobiert worden ist. Nur ganz selten stößt man dann auf Dinge die scheinbar noch niemand anderes ausprobiert hat. So ging es mir Anfang dieses Jahres als ich von meinem Freund Stefan von der Veranstaltung Flensburg X Hamburg erfuhr. Langstreckenradeln im Gelände stellte ich mir sehr abenteuerreich und spannend vor. Ich war von dieser Veranstaltung inspiriert und lies daraufhin meinen Gedanken freien Lauf und überlegte mir, wie wohl meine Wunschveranstaltung dieser Art aussehen könnte:

  • Sie sollte Nonstop ohne Übernachtung fahrbar sein wie ein klassischer 600er Rennrad-Brevet. Schnelle Fahrer sollten also mindestens 24 Stunden und langsame Fahrer nicht mehr als 40 Stunden benötigen dürfen.
  • Sie sollte keine Schotterwegveranstaltung sein sondern im „echten“ Gelände stattfinden. Also mit vielen Singeltrails und all dem was Biker sonst noch glücklich macht.

Da wurde mir klar, dass es solche eine Veranstaltung so bisher noch nicht gibt. Es gibt lediglich Langstrecken-Veranstaltungen die primär auf Cyclocrosser ausgerichtet sind (Flensburg X Hamburg und Critical Dirt) und die großen MTB Mehrtages-Langstreckenevents (Grenzsteintrophy und Tour Divide Race).

Ich konnte mir damals nicht erklären warum das so ist. Inzwischen bin nach meinem Selbstversuch diesbezüglich um einige Erfahrungen reicher, aber ich will jetzt nicht mein Fazit schon vor dem eigentlichen Bericht präsentieren 😉

Da ich von der Idee meiner Wunschveranstaltung überzeugt war konkretisierte ich darauf hin meine Gedanken und entwarf daraufhin den Cross Country Brevet. Auf der Website dazu lassen sich die Einzelheiten nachlesen und die geplante Strecke einsehen. Ich machte dieses „Experiment“ bewusst öffentlich, da ich davon überzeugt war, dass es sicherlich noch andere „Verrückte“ gibt die daran Gefallen finden könnten.

Als verlässlichen Mitfahrer konnte ich frühzeitig meinen Freund Stefan gewinnen, mit dem ich schon letztes Jahr eine längere Radtour im Gelände gemacht hatte. Ansonsten war die Resonanz aber so gering, dass sich kein weiterer Mitfahrer gemeldet hatte. Ich war dadurch zwar etwas verunsichert, aber ansonsten war meine eigene Motivation für die Geländeprüfung ungebrochen vorhanden!

War es in den letzten Jahren im Juli im Wald eher staubtrocken so war der Sommer 2012 da was ganz anderes. Der Waldboden war bis an die Grenze mit Wasser gesättigt und jede noch so kleine Mulde war in eine Pfütze verwandelt. Sollte an einem Tag die Sonne den Boden etwas abtrocknen lassen, so gab es am nächsten Tag garantiert zum Ausgleich einen kräftigen Gewitterregen.

Immerhin versprachen die letzten Wetterprognosen zumindest für den Samstag ein halbwegs trockenes aber windiges Radelwetter.

Tourbericht

Die Tour begann nach dem Start am 14.07 um 8:00 Uhr wie erwartet relativ gemäßigt mit dem HW8. Gemäßigte Steigungen, gemäßigte Trails und einem mäßig spaßigen Regenschauer vor Heilbronn.

Wir waren beide auf komplett starren Rädern unterwegs. Stefan auf einem 26″ Stahl-Bike mit richtigen Schutzblechen (um die ich Stefan ein wenig beneidete). Ich auf meinem Titan 29er mit Carbon-Starrgabel und nur einem kleinen Mudboard gegen die Schlamm-Spritzer.

Damit wir nicht vor lauter Mäßigkeit einschliefen weckte uns der Georg-Fahrbach-Weg wieder auf. Gegenüber dem HW8 ist der GFW vorsichtig gesagt „sehr naturbelassen“ und fühlt sich recht ruppig & rauh an. Die zwei Abfahrten auf diesem Abschnitt stellten die technisch schwersten Stücke der gesamten Tour dar. Ich war froh, dass dies Stefan genauso sah und es nicht an meiner fehlenden Fahrtechnik lag.

Die weichen & schlammigen Wege forderten schon auf diesem einfachen Teilstück ihren Tribut und wir erreichten erst um 14:45 Uhr nach 110km und 1800hm Öhringen, wo ein Döner unsere Sportlernahrung der Wahl war. In Mainhardt gab es dann bei recht schönem Sonnenschein Kaffee und Kuchen in einem Supermarkt-Bäcker. Unser Ziel war es vor der Dunkelheit noch Lorch zu erreichen und wir kalkulierten dabei für diesen schweren, knapp 70 Kilometer langen, Streckenabschnitt nur mit einem Bruttoschnitt von 10km/h. So etwas wie „einfach rollen“ gab es auf diesem Abschnitt nämlich (fast) nicht. Entweder ging es steil rauf, steil runter, über Wurzeln, durch Schlammlöcher, durch Brennnesseln … Aber rollen? Nicht hier!

Im Kastell in Welzheim hatten wir noch eine besondere Begegnung – römische Legionäre beim exerzieren!

Kurz vor 22:00 Uhr waren wir dann in Lorch und setzten unsere „Schlemmertour“ bei einem Teller Pasta und einem Bier fort. Wir montierten danach unsere Lichter: Stefan mit einer Petzl Myo RXP am Helm und einer gnadenlos hellen Eigenbau Akku-Lampe am Lenker. Ich war mit einer Fenix LD20 Taschenlampe auf dem Helm und einer vom Nabendynamo gespeisten Edelux Lampe am Lenker unterwegs.

Trotz der guten Beleuchtung beschlossen wir den „flowigen Berg“ bis Plüderhausen auszulassen. Von unserer gemeinsamen Probefahrt wussten wir, dass man dort ein ziemlich langes Singletrailstück an einem steilen Hang entlangfährt. Einmal abrutschen und man landet mindestens zehn Meter tiefer. Und das Rad zu schieben war wegen der tiefen Schlammpfützen auch keine verlockende Option. Also gab es zumindest bis Plüderhausen mal zur Abwechslung ein kleines Rollerstück 😉

Unsere Tour steigerte sich von Abschnitt zu Abschnitt und mit dem HW10 stand jetzt der Höhepunkt auf dem Programm. Dieses mal nicht wegen den fahrtechnischen Anforderungen sondern wegen dem pausenlosen Auf und Ab! Alleine bis Backnang warteten geschätzte 900hm auf uns.

Die Nachtfahrt im Gelände machte mir echt Spaß! Wir hatten immer genügend Licht und da die Strecke hier nicht all zu technisch war hatten wir auch keine gefährlichen Situationen. Genau so hatte ich mir das im Vorfeld vorgestellt! Unvergesslich bleibt mir das Stück vor Steinenberg. Erst ging es einen fast komplett zugewachsenen, steilen und schlammigen Weg schiebend nach oben. Oben wartete dann ein „Brombeerfeld“ auf uns in dem der Trail nahezu unsichtbar war und wo wir wegen der Dornen das Rad nur tragen konnten.

Um kurz vor 2:00 Uhr waren wir dann in Backnang beim McDonalds angelangt wo wir kurz vor Ladenschluss als die Letzten noch was bestellen durften. Auf unserer Weiterfahrt reduzierten weitere Hügel, leichter Regen und der von der Müdigkeit so langsam mürbe Kopf den Spaßfaktor. Nach der Neckarbrücke bei Marbach lag eine kaputte Bierflasche auf dem Radweg. Ich fuhr leider genau drüber und pfffffft …

So lange man auf einem völlig verdreckten Rad nur drauf sitzt und fährt stört einen dieser Dreck (fast) nicht. Aber wenn man dann einen Schlauch wechseln muss … Bähhh! Und dabei hab ich auch noch was Neues gelernt: Meine Luftpumpe war am Flaschenhalter befestigt und war deshalb auch völlig verdreckt. Durch den ganzen Dreck hatte sie nun nicht mehr richtig funktioniert und ich bekam keine Luft in den Reifen. Zum Glück hatte Stefan seine Luftpumpe schön sauber in seinem Gepäck verstaut!

Durch diesen Platten und ein paar weiteren Verzögerungen dämmerte es schon und wir erreichten Besigheim um kurz vor 6:00 Uhr nach ca. 260km und knapp 5000hm. Ich hatte inzwischen ein echtes Motivationsproblem wenn ich an den Rest der Strecke dachte. Wusste ich doch zu gut, dass die Strecke bis Pforzheim mir rund 80km noch recht lang und mit deutlich über 1000hm auch kein bisschen leichter als bisher würde. Und an „rollen“ wäre auf diesem Abschnitt leider immer noch nicht zu denken gewesen!

Also bogen wir erstmal zur 24h Tankstelle ab und tranken zwei Kaffee. Stefan und ich sind sehr gut darin unsere eigene „Spaßgrenze“ beim Langstreckenradeln zu erkennen bzw. zu definieren. Und da wir inzwischen körperlich platt und ohne weitere Motivation waren diskutierten wir die möglichen „Steckevariationen“ zurück nach Pforzheim. Der inzwischen reichlich niederprasselnde Regen bewegte uns dann schließlich dazu die radikalste Variante zu wählen und auf den Enztalradweg zu wechseln.

Juhu! Endlich mal wieder rollen – war das eine Wohltat! Ich denke inzwischen, dass der mangelnde Rollfaktor das größte Problem bei einer Nonstop Mountainbike Langstrecken wie dem CCB ist. Vielleicht ist das auch anders wenn man Mountainbiker aus Fleisch und Blut ist und es nicht anders kennt. Aber als Randonneur der das Rollen kennen- und liebengelernt hat ist das schon hart!

Irgendwie musste ich schmunzeln, da ich auch schon meine diesjährige Alb-Solotour auf einem Flußradweg habe ausklingen lassen. Auf dem Weg nach Pforzheim wurden wir von einigen zum Teil kräftigen Regenschauern begleitet. Um 9:45 sind wir dann schließlich wieder am Bahnhof in Pforzheim angekommen.

Distanz: 309,4 km
Höhenmeter: 4948 m
Brutto-Fahrzeit: 25:43
Netto-Fahrzeit: 20:28

Track:
GPSies - CCB 2012

Aufzeichnung:

Mein Fazit fällt dieses mal etwas ausführlicher aus:

Shades of Mud

Bei einem Rennradbrevet gibt es genau zwei Zustände des Weges: trockenen und nassen Asphalt. Wenn man fairer weise jetzt noch die Rauheit des Asphalts berücksichtigt kommt man auf ein paar mehr Varianten. Das heftigste was es dort so gibt ist der weithin gefürchtete extrem schlecht rollende französische Rauasphalt – puuuuuhhhhhh 😯

Liebe Randonneure es ist Zeit mal im Wald zu fahren! Dort könnt ihr erleben welch riesig große Bandbreite es zum Thema Wegbeschaffenheit wirklich gibt! Und nach der Erfahrung des CCBs könnte ich euch alleine zum Thema Varianten des Matsches ein ganzes Referat halten: Es gibt wässrigen Match, klebrigen Match der überall hängen bleibt, rutschigen Matsch auf dem man fast nicht zu Fuß laufen kann, sandigen Matsch, Matsch mit Laub drin …..

Was ich damit eigentlich sagen will ist, dass Langstreckenradeln im Gelände eine echte Bereicherung ist und tierisch Spaß macht! Man kann seinen persönlichen Horizont um Erfahrungen erweitern die man auf keiner Straße findet!

Rollwiderstand

Ich gebe zu, dass die von mir entworfene Strecke eine Hausnummer zu heftig ausgefallen ist um sie Nonstop zu bewältigen. Entweder sollte die Strecke etwas kürzer ausfallen oder sie sollte einen höheren, gut fahrbaren, (Schotter-)Anteil haben.

Durch diese Erkenntnis ist mir jetzt auch klar, warum es bisher keine andere Veranstaltung dieser Art gibt.

Quo vadis CCB?

Ich werde ganz sicher weiterhin epische Langstreckentouren mit dem Mountainbike fahren. Falls es noch weitere Radler gibt die an solchen Touren Interesse haben würde ich mich sehr über ein Feedback freuen. Am besten nutzt ihr dazu die Kommentarfunktion dieses Blog-Beitrags.

Falls sich dadurch einige interessierte Leute zusammenfinden sollten, könnte ich mir schon vorstellen, dass wir dann im nächsten Jahr wieder was ähnliches auf die Beine stellen.

PS: Danke Stefan für die tolle Tour mit dir!

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Responses

  1. Hi Tilo
    Toller Bericht von dieser extren MTB Tour. Reizen würde mich sowas schon unheimlich, weiß nur nicht ob ich das schaffe. Werde deine Aktivitäten weiter verfolgen und wenns zeitlich mal passt, bin ich dabei!
    Gruß Huby

  2. […] https://dawncycling.wordpress.com/2012/07/18/gelandeprufung/ […]

  3. sehr schöne idee und bericht. ich habe des öfteren auf der ccb-seite reingeschaut und mich informiert. leider ging der termin überhaupt nicht, weshalb ich mich auch nicht bei dir gemeldet hatte. so wie`s aussieht wäre das ganze aber auch mit einem cyclocross und 42/47mm-rreifen noch gut zu machen, oder täusche ich mich da? für nächstes jahr würde ich mir auf jeden fall einen termin freihalten.

    vg, ritzelschleifer

  4. Moin Jungs,
    toller Bericht, tolle Tour. Ich wäre gerne mitgekommen, war allerdings auch verhindert. Es wäre jedoch fraglich gewesen ob ich mit meinem Cyclocrosser die Strecke hätte fahren können. Nächstes Jahr, gleiches WE, mit MTB, halte ich mir frei!
    Beste Grüße und Hut ab!
    Horst

  5. Immer wieder schön deine Tourberichte!
    Jore

  6. Da gibt es doch noch Gleichgesinnte! Ich habe in den letzten Monaten im Prinzip das gleiche für mich entdeckt. Ich werde die CCB-Seite im Auge behalten und wenn es terminlich passt einmal dabei sein!


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