Verfasst von: dawncycling | 7. Mai 2012

Keine Routine!

Die meisten Tage eines Jahres laufen voller Routine ab. Arbeiten, Familie, Haushalt und Radfahren haben ihre feste Ordnung. Und auch beim Langstreckenradeln kann sich nach ein paar Jahren so etwas wie Routine einstellen und man ist in der Lage einen Brevet routiniert und unbekümmert zu fahren. Es gibt aber auch Tage die so viel Unvorhergesehens enthalten, dass sie wie ein Paukenschlag jegliche Routine durchbrechen. Letztes Wochenende (5. und 6. Mai), wo ich eigentlich am 400er Brevet in Freiburg teilnehmen wollte, war solch ein lauter Paukenschlag an dem es so viel Unerwartetes gab, dass ich mich danach erstmal wieder an der Routine des Alltages erholen muss. Aber alles der Reihe nach:

Die Anreise nach Freiburg zum Vogesen-Brevet lief noch völlig routiniert ab. Etwas früher von der Arbeit gehen, das Auto packen und durch den Freitag-Nachmittags-Verkehr nach Freiburg kämpfen. Ich war gerade auf dem Campingplatz angekommen um eines der schnuckeligen Holzhütten zu beziehen als mein Handy in der Hosentasche kurz vibrierte und eine eingehende Nachricht signalisierte. Es war eine E-Mail von ARA-Breisgau mit dem Betreff „Vogesen-Brevet fällt aus“. Urban und Walter hatten erst an diesem Nachmittag ein Schreiben vom Landratsamt zugestellt bekommen welches die Durchführung des Brevets unter Androhung von Strafen untersagte. Was für ein Timing und was für eine Sch… !

Nachdem ich meine Sachen ausgeladen hatte ging ich erstmal zum Augustiner zur „Krisensitzung“. Ein Freiburger Randonneur bestellte sich gleich einen Schnaps als er von der Absage erfuhr aber ich blieb erstmal beim Weizenbier. Alles debattieren nützte nichts und die Lage war klar: Es wird keine Brevet-Veranstaltung geben und die Brevetkarten werden nicht ausgegeben.

Da aber sehr viele Randonneure bereits angereist waren fanden sich am nächsten Morgen trotzdem recht viele zum Randonneur-Frühstück im Augustiner ein. Die Stimmung war aber sehr gedrückt. Die meisten radelten, jeder für sich und ohne gemeinsame Abfahrt, nach dem Frühstück zu der Stelle bei Hartheim wo sich beim 300er Brevet der tödliche Unfall ereignet hatte. Manche legten Blumen nieder oder zündeten Kerzen an. Die Unfallstelle ist ein nahezu gerades Stück Straße wo man sehr weit den Straßenverlauf ohne Sichtbehinderung einsehen kann. Es ist schwer nachvollziehbar wie man hier übersehen werden kann…

Da ich die zwei Übernachtungen schon gebucht und mir den Tag frei genommen hatte wollte ich jetzt aber nicht schon nach Hause fahren und entschloss mich trotz der Absage für mich etwas Rad zu fahren. Da ich mich in dieser Gegend aber nicht gut auskannte und auf dem Navi nur die Strecke des Vogesen-Brevets gespeichert hatte entschied ich mich, dass ich mir die Strecke ja mal ansehen könnte 😉

Da ich scheinbar nicht der einzige mit diesem Gedanken war traf ich unterwegs noch ein paar andere Randonneure und wir entschlossen uns spontan die Strecke gemeinsam zu fahren. Man hätte also fast denken können dass wir auf einem routinemäßigen Brevet unterwegs sind, wäre da nicht die fehlende Stempelkarte und diese seltsame Stimmung gewesen. Herrschte sonst immer eine gewisse Euphorie war dieses Mal die Stimmung sehr gedämpft und alle fuhren recht zurückhaltend.

Der Vogesen-Brevet wäre auch ohne die Absage alles andere als Routine gewesen. Zum einen ist die Strecke ganz neu und sie hätte dieses Jahr ihre Brevet-Erstbefahrung erlebt. Zum anderen verspricht auch das Höhenprofil alles andere als Routine. Mit insgesamt 4500 Höhenmetern hat die Strecke so viele Höhenmetern wie an anderen Startorten ein 600er Brevet. Erschwerend kommt hinzu, dass zwei Drittel der Höhenmeter bereits auf der ersten Hälfte der Strecke liegen.

Bereits der erste Berg zog sich viel länger als erwartet. Das mag aber auch nur mir so vorgekommen sein und Schuld daran konnten auch die evtl. zu reichlichen „Krisen-Weizenbier“ vom Vorabend gehabt haben.

Der Col Amic lief dagegen schon viel besser. Traumhafte Landschaft, sehr gut rollender Asphalt und eine moderate Steigung machen diesen Berg zu einem wahren „Butterberg“.

Vogesen02

Vogesen02_Sub1

Vogesen02_Sub2

Etwas verwundert nahmen wir zur Kenntnis, dass gerade die Absperrungen für eine Autorennen aufgebaut wurden. Ich überlegte noch, dass wohl wenig später die Strecke gesperrt würde und man als Radler nicht mehr hätte durchfahren dürfen. Als ich diesen Gedanken nach der Abfahrt schon fast wieder vergessen hatte standen wir am Col du Hundsrück dann genau vor diesem Problem. Auch hier wurde das Autorennen vorbereitet aber die Strecke war bereits gesperrt. Wir versicherten uns zunächst beim Renn-Chef, dass auf den nächsten Bergen kein Autorennen stattfand und nahmen dann eine ca. 10 Kilometer längere Umfahrung.

Danach folgte mit dem Ballon Alsace der erste lange Berg (621hm). Er kostete bei allen viele Körner so dass die Bäckerei in Giromagny gerade recht kam um neue Energie zu tanken. Gerade als wir wieder losfuhren setzte ein Gewitter mit Starkregen ein. Ruckzuck waren alle unter den Vordächern der nächstgelegenen Häuser verteilt und wir warteten bis der Regen nachließ.

Vogesen03

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Vogesen03_Sub2

Mit dem Ballon Servance (668hm) folgte danach der Höhepunkt der Strecke. Ein wahrlich traumhaftes Sträßlein führt auf ihn hinauf. Da (fast) autofrei herrschte eine sehr friedliche bzw. meditative Atmosphäre. Mit seiner sehr konstant hohen Steigung (geschätzt zwischen 10 und 12 %) war der Asntieg aber auch sehr hart. Die Abfahrt hatte es dann auch in sich, denn der Belag ist sehr wellig und bei manchen Wellen meinte man fast abzuheben. Unten angekommen erreichten wir das zauberhafte Land der 1000 Seen. Die sehr schöne Landschaft entschädigte etwas die Quälerei der letzten Stunden.

Nach einem Blick auf die Uhr war ich recht schockiert zu sehen, dass wir für die erste Hälfte der Strecke wohl knapp 10 Stunden brauchen würden. Ich konnte mich nicht daran erinnern auf einem Brevet mal so lange für 200 Kilometer gebraucht zu haben.

Weitere Wellen und Gegenwind machten uns zu schaffen so dass wir in Fougerolles erstmal in einem Döner-Imbiss was Warmes essen wollten. Es war unbeschreiblich wie wir alle platt waren und noch die Hälfte der Strecke vor uns sahen. Das war keine Routine das war ein kollektiver Ausnahmezustand!
Da ich kleidungstechnisch etwas falsch kalkuliert hatte lieh ich mir von einem Mitfahrer noch ein weiteres Unterziehhemd, welches er als Wechselkleidung mitgeführt hatte. Ich hatte nämlich schon die ganze Zeit leicht gefroren und Respekt vor der kommenden, vermutlich recht langen, Nachtfahrt.

Vor Remiremont war noch eine weiterer Berg zu überwinden der eigentlich recht klein war sich aber anfühlte wie ein großer. Wir warteten stets auf die langsamsten und blieben als Gruppe zusammen. Dann ging es leicht wellig weiter und es war bereits dunkel geworden. Es begann auch zu regnen und je nasser meine Handschuhe wurden, desto kälter und unbeweglicher wurden meine Finger. Auf der Abfahrt nach St. Die des Vosges konnte ich wegen den unbeweglichen Fingern nicht einmal mehr schalten.

In St. Die wartete mit dem Snack Ida ein weiterer Döner-Imbiss auf uns. Französische Döner-Imbisse sind einerseits sehr skurril und unbedingt sehenswert und können einem je nach Situation wie eine Oase in der Nacht erscheinen 😉

Nach diversem Süßkram und einem Tee fror ich nicht mehr so arg und als „Joker“ zog ich mir noch dünne Neopren Handschuhe an. Darin schwitzt man zwar etwas von innen aber die Finger bleiben zumindest schön warm und beweglich.

Scheinbar ließen es sich noch mehrere Randonneure nicht nehmen die Strecke trotz Absage für sich selbst zu fahren, denn unsere Gruppe wuchs auf über 15 Fahrer an. In dieser großen Gruppe war es nach der Weiterfahrt dann recht kurzweilig. Die Straßen waren trocken und ich spürte mal wieder so etwas wie „Fahrspass“ in mir. Der letzte Anstieg erwies sich als so was von flach, dass ich richtig überrascht war als wir am Schild der Passhöhe ankamen.

Unterwegs hatte ich noch gewitzelt, dass dies sicherlich noch nicht alle „Überraschungen“ auf dieser Tour waren, und ich sollte leider recht behalten. In der Abfahrt ins Rheintal rannten auf einmal drei aufgescheuchte Rehe in die Gruppe und ein Mitfahrer kam zu Sturz als er auf den stark bremsenden Vordermann auffuhr. Zum Glück waren die Sturzfolgen aber relativ glimpflich und wir konnten zügig weiterfahren.

Dagegen war der kräftige Gegenwind und der Regen im Rheintal schon fast so was wie Brevet-Routine. Das letzte Stück zog sich endlos lange dahin und raubte mir die letzten Energiereserven. Hatte ich letztes Jahr bei der Ankunft noch auf Wilde Kartoffeln gehofft so mussten wir dieses Mal darum bangen, dass der Augustiner noch für ein Bier geöffnet hatte.

Um kurz vor vier Uhr waren wir dann endlich wieder am Augustiner und wir bekamen tatsächlich auch noch ein Bier. Alle Anwesenden waren sich einig: Was für eine atemberaubend schöne und zur gleichen Zeit sehr heftige Strecke – Was für ein epischer Ritt bei widrigen Wetterbedingungen!

Nachdem der Augustiner seine Türen geschlossen hatte, ließen wir die Tour noch ganz gediegen in der gegenüber liegenden Tankstelle bei ein paar „Zäpfle“ ausklingen und begrüßten so den neuen Tag.

Aber leider wartete noch eine weitere üble Überraschung auf mich. Als ich meine Geldbörse, nach einem kurzen Schläfchen auf dem Campingplatz, aus meiner Lenkertasche holen wollte war sie nicht mehr dort. Ich hatte mir an der Tankstelle noch was zu essen gekauft und danach verlor sich jegliche Erinnerung was ich mit der Geldbörse gemacht hatte. Hatte ich sie einfach liegengelassen oder wurde sie geklaut? Als ich nochmals mit dem Auto an der Tankstelle war, war leider keine Geldbörse abgegeben worden. Es war zwar nicht mehr viel Geld darin aber dafür meine ganzen Papiere und Bankkarten. Zu meinem Glück hatte ich noch ein paar lose Geldscheine gefunden um meinen leeren Tank im Auto zu füllen und wieder nach Hause zu kommen.

Zu meiner großen Freude ist meine Geldbörse am Tag danach wieder aufgetaucht! Urban hatte sie „versehentlich“ an der Tankstelle eingesteckt.

Lieber Urban: Wie machst du das nur? Erst bastelst du diese wunderschöne Monster-Strecke zusammen die einen an die eigenen Grenzen und darüber hinaus bringt, danach verleitest du einen durch deine verschmitzte schwarzwälder Art zu ausgelassenem Biergenuss und zum Schluß steckst du noch meine Geldbörse ein. Und irgendwie bin ich dir am Ende sogar noch dankbar dafür, dass du die Routine meines Alltages so kräftig durcheinandergebracht hast. Und wegen der Sache mit der Geldbörse freue ich mich beim nächsten Brevet schon auf deine Einladung zu einigen Andechser Doppelbock 😉

Track:

Aufzeichnung:

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Responses

  1. Schöner Text, schöne Geschichte. Kenn mich mit diesen Brevet Geschichten nicht aus, aber klingt echt interessant. Weiterhin viel Spass beim biken! Gruss. M 🙂

  2. Darüber hinaus möchte ich noch erwähnen, dass durch meinen „Fehlgriff“ Tilo ziemlich unfreiwillig alle „Freibiere“ an der Tanke finanziert hat. Nachträglich beteuerte er jedoch glaubhaft, es durchaus gerne getan zu haben. Somit darf ich jeden erhaltenen Dank an den „edlen Spender“ weiterleiten!!
    Vielleicht sollte ich dann doch noch einmal erwähnen und beteuern, dass es sich bei ARA Breisgau um eine rein nicht-kommerzielle Initiative handelt und wir uns weder jetzt und in Zukunft in irgendeiner Weise an unseren Teilnehmern bereichern wollen. Trotzdem sollte man vielleicht eine allgemeine Warnung aussprechen, ganz speziell was diese „Abschlussfeiern“ betrifft: Passt auf Euch auf!!

    In diesem Sinne,

    Urban


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